
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
(Rainer Maria Rilke 1899)
Rilke sagt: Ich weiß noch nicht, was ich bin. Das ist ehrlich. So lange wir leben, werden wir immer wieder ins Fragen kommen. Wer bin ich? Wozu bin ich hier? Und es
werden uns immer wieder neue Antworten erscheinen.
Während einer Einkehrzeit mit einer Gruppe haben wir ein großes Experiment gemacht. Es war wie ein Spiel und es hatte feste Regeln. Es zog sich über mehrere Tage. In wechselnden Konstellationen
haben wir Paare gebildet. Einer hatte die Aufgabe, dem anderen die Frage zu stellen: "Wer bist du?" Der andere/die andere antwortete. Die Antwort musste beginnen mit "Ich bin eine, die..." oder
mit "Ich bin einer, der...." Der Fragesteller hörte zu und kommentierte nicht. Seine Aufgabe war es nur, zu hören und dann die Frage nochmals zu stellen. Nach einer vereinbarten Zeit wurden die
Rollen gewechselt. Es war faszinierend, die eigenen Antworten zu finden und die Antworten der anderen zu hören. Einige Antworten blieben eher an der Oberfläche: "Ich bin eine, die gar keine Lust
mehr auf dieses Spiel hat." "Ich bin eine, der allmählich nichts mehr einfällt." Andere Antworten waren tief und überraschend. Bei mir kam auf einmal der Satz: "Ich bin eine, die das große JA in
sich trägt." Immer wieder nahm ich diese Worte auf meine Zunge und sprach sie aus. Ich spürte dabei, wie wahr das ist.
Diese Einkehrzeit ist schon lange her. Aber mein Satz geht immer noch mit mir. Er ist immer noch wahr. Aus ihm wurde sogar der Titel eines meiner
Bücher.
Wenn ich die weiße Mitte meines Bildes benennen sollte, könnte ich sagen: Sie steht für das große JA. Ich könnte auch sagen: Sie steht für Gott. Andere könnten
vielleicht sagen: Sie steht für unser wahres Wesen. Oder: Sie steht für den Ursprung von allem. Ich bin schon gespannt darauf, wie es sein wird, wenn das Bild in einer Kirche hängt und wir dort
miteinander darüber ins Gespräch kommen.
Und ich bin sehr gespannt, wie es Ihnen und Euch mit diesem Bild geht und mit den Fragen, die dadurch hervorgebracht werden. Es sind ja nicht nur individuelle Fragen. Es sind Menschheitsfragen.
Seit Jahrtausenden gehen wir Menschen damit um. Es ist ein gemeinsames Kreisen und Suchen. Wir sind unterwegs. Die anderen, denen wir begegnen, sind es auch. Jede auf ihre Weise. Jeder auf
seine Weise. Niemand hat die Wahrheit für sich gepachtet.
Ich wünsche euch und Ihnen allen Freude an den Begegnungen, Interesse füreinander und den Mut, die eigenen Fragen und Antworten hörbar werden zu lassen.
Alles Liebe und Gute für euch und für Sie!
Gabriele Koenigs
Dieses Gedicht bedeutet auch dem Sänger und Liedermacher Konstantin Wecker sehr viel. Hören Sie, wie er in einem Konzert davon spricht.
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Und hier können Sie eine sehr eindrucksvolle Komposition zu diesem Gedicht hören. Markus Karus (*1961) hat sie für Klavier und Singstimme erschaffen.
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