Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen. Ölgemälde auf Leinwand von Gabriele Koenigs (2024). 40 cm x 40 cm. Als Original erhältlich
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen. Ölgemälde auf Leinwand von Gabriele Koenigs (2024). 40 cm x 40 cm. Als Original erhältlich
Dieses Gemälde ist aus einem Experiment entstanden. Ich habe die Leinwand auf eine Art Töpferscheibe gelegt. Während sie rotierte, habe ich mit Stiften und Pinseln Linien gezogen. Durch das Rotieren sind von selbst Spiralen und Kreise daraus geworden. Weil ich die Leinwand so fixiert habe, dass sie nicht verrutschen konnte, haben alle Spiralen und Kreise denselben Mittelpunkt. Es war ein faszinierendes Experiment. Und es hat mich tief ins Nachdenken gebracht. Wenn ich es nun anschaue, kommt mir immer  wieder ein Gedicht von Rainer Maria Rilke in den Kopf. 

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

 

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

(Rainer Maria Rilke 1899) 

Rilke sagt: Ich weiß noch nicht, was ich bin. Das ist ehrlich. So lange wir leben, werden wir immer wieder ins Fragen kommen. Wer bin ich? Wozu bin ich hier? Und es werden uns immer wieder neue Antworten erscheinen. 

Während einer Einkehrzeit mit einer Gruppe haben wir ein großes Experiment gemacht. Es war wie ein Spiel und es hatte feste Regeln. Es zog sich über mehrere Tage. In wechselnden Konstellationen haben wir Paare gebildet. Einer hatte die Aufgabe, dem anderen die Frage zu stellen: "Wer bist du?" Der andere/die andere antwortete. Die Antwort musste beginnen mit "Ich bin eine, die..." oder mit "Ich bin einer, der...." Der Fragesteller hörte zu und kommentierte nicht. Seine Aufgabe war es nur, zu hören und dann die Frage nochmals zu stellen. Nach einer vereinbarten Zeit wurden die Rollen gewechselt. Es war faszinierend, die eigenen Antworten zu finden und die Antworten der anderen zu hören. Einige Antworten blieben eher an der Oberfläche: "Ich bin eine, die gar keine Lust mehr auf dieses Spiel hat." "Ich bin eine, der allmählich nichts mehr einfällt." Andere Antworten waren tief und überraschend. Bei mir kam auf einmal der Satz: "Ich bin eine, die das große JA in sich trägt." Immer wieder nahm ich diese Worte auf meine Zunge und sprach sie aus. Ich spürte dabei, wie wahr das ist.

Diese Einkehrzeit ist schon lange her. Aber mein Satz geht immer noch mit mir. Er ist immer noch wahr. Aus ihm wurde sogar der Titel eines meiner Bücher.  

Wenn ich die weiße Mitte meines Bildes benennen sollte, könnte ich sagen: Sie steht für das große JA. Ich könnte auch sagen: Sie steht für Gott. Andere könnten vielleicht sagen: Sie steht für unser wahres Wesen. Oder: Sie steht für den Ursprung von allem. Ich bin schon gespannt darauf, wie es sein wird, wenn das Bild in einer Kirche hängt und wir dort miteinander darüber ins Gespräch kommen. 

Und ich bin sehr gespannt, wie es Ihnen und Euch mit diesem Bild geht und mit den Fragen, die dadurch hervorgebracht werden. Es sind ja nicht nur individuelle Fragen. Es sind Menschheitsfragen. Seit Jahrtausenden gehen wir Menschen damit um. Es ist ein gemeinsames Kreisen und Suchen. Wir sind unterwegs. Die anderen, denen wir begegnen, sind es auch. Jede auf ihre Weise. Jeder auf seine Weise. Niemand hat die Wahrheit für sich gepachtet. 

Ich wünsche euch und Ihnen allen Freude an den Begegnungen, Interesse füreinander und den Mut, die eigenen Fragen und Antworten hörbar werden zu lassen. 

Alles Liebe und Gute für euch und für Sie! 
Gabriele Koenigs 



Dieses Gedicht bedeutet auch dem Sänger und Liedermacher Konstantin Wecker sehr viel. Hören Sie, wie er in einem Konzert davon spricht. 

 

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Und hier können Sie eine sehr eindrucksvolle  Komposition zu diesem Gedicht hören. Markus Karus (*1961) hat sie für Klavier und Singstimme erschaffen. 


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