Verwandlung: Aus Leid kann Neues entstehen

Verwandlung (vorläufiger Titel). Aquarell von Gabriele Koenigs (2025). Im Passepartout für Bilderrahmengröße 50 cm x 70 cm. Als Original erhältlich
Verwandlung (vorläufiger Titel). Aquarell von Gabriele Koenigs (2025). Im Passepartout für Bilderrahmengröße 50 cm x 70 cm. Als Original erhältlich

Wir erleben einen goldenen Herbst. Das Herbstlaub leuchtet. Nun fallen die Blätter. Je nach Witterung geht dies schneller oder langsamer. Aber der Prozess ist unaufhaltsam. Die Bäume lassen ihr Blätterkleid los. Im Frühjahr werden sie ein neues hervorbringen. 

 

Das Loslassen gehört zum Leben. Auch bei uns Menschen. Immer wieder. Es kommt nicht unbedingt mit einer solchen Regelmäßigkeit wie der Wechsel der Jahreszeiten. Es ist nicht vorhersagbar. Es kann sehr schmerzhaft sein. Es bringt uns an unsere Grenzen. Alles steht in Frage. Wir würden es lieber vermeiden. Aber im Loslassen werden wir verwandelt. Wir werden weitergeführt. 

 

Jojo lebt in Amerika. Im Mai dieses Jahres hat sie eine große Veranstaltung organisiert. Sie fand im Jüdischen Museum in Washington statt. Der Titel hieß: "Transforming pain into purpose" (übersetzt: Leid in etwas Sinnvolles verwandeln). Etwa 150 Menschen hatten sich angemeldet, darunter viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der israelischen Botschaft. Sie hatten unter anderem darüber gesprochen, wie humanitäre Hilfe in den Gazastreifen gebracht werden könnte. 

 

Kurz nach dem Ende der Veranstaltung war Jojo drinnen im Museum mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Da hörte sie draußen Sirenen. Polizei, Notarzt, Feuerwehr. Was war passiert? Sie eilte in Richtung Eingangshalle. Viele andere Menschen, die im Museum waren, taten es auch. Ihr fiel ein Mann ins Auge, der heftig zitterte. Er sah aus, als sei er außer sich. War er gerade einem großen Schrecken entkommen? Sie reichte ihm ein Glas Wasser, als erste Hilfe sozusagen. Er nahm es und trank. Plötzlich schwenkte er ein Palästinensertuch und schrie  laut: "Free Palestine!" (übersetzt: "Befreit Palästina!") Was würde er als nächstes tun? Mutige Männer eilten herbei und hielten ihn fest. Dieser Mann hatte gerade draußen vor der Tür zwei junge Menschen getötet, Angehörige der israelischen Botschaft. Er wurde abgeführt. Jojo war im Schock. Andere waren es auch. Es hätte jeden von ihnen treffen können. Sie weinte um die beiden Toten, Sara und ihren Verlobten. Sara hatte ihr Leben der Versöhnung gewidmet. Nun war sie tot. Ausgerechnet sie. Sie war erst 30 Jahre alt geworden. 

 

Einige Tage war Jojo wie in einem Ausnahmezustand, kaum zur Arbeit fähig. Sie verkroch sich zuhause. Sie wurde krankgeschrieben. Sie war wie gelähmt. Ihre Familie umgab sie mit liebevoller Fürsorge. Nur wenige Tage nach dem schrecklichen Ereignis bekam sie eine Einladung. Der Jerusalemer Jugendchor gab ein Konzert in Washington. Es gab  keine öffentliche Werbung für dieses Konzert, vorsichtshalber. Freundinnen und Freunde des Jerusalemer Jugendchores gaben die Einladungen weiter, von Mund zu Mund und per E-Mail. Das Konzert wurde von einem interreligiösen Arbeitskreis organisiert und fand in einer Kirche in Washington statt. Im Jerusalemer Jugendchor singen jüdische Jugendliche und palästinensiche Jugendliche gemeinsam. Sie singen in hebräisch, arabisch und englisch. Sie singen von ihrer Sehnsucht nach Frieden. Sie singen von dem Leid, das durch Krieg und Gewalt und Feindschaft angerichtet wird, und von ihrem Schmerz. Jojo hatte vorher noch nie von ihnen gehört. Es kostete sie Überwindung, wieder unter Leute zu gehen. Aber sie nahm die Einladung an. 

 

Das Konzert war wie Balsam für ihre aufgewühlte Seele. Nach dem Ende des Konzerts eilte sie nach vorne und bedankte sich bei Micah, dem Dirigenten. In kurzen Worten erzählte sie, was sie vor ein paar Tagen erlebt hatte. Voller Anteilnahme hörte er ihr zu. Er lud sie ein, noch eine Weile da zu bleiben. Es gab Getränke und die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie sprach mit einigen jungen Sängerinnen und Sängern. 

 

An diesem Abend hat sie erlebt, dass Freundschaft zwischen Juden und Palästinensern tatsächlich möglich ist. Diese Jugendlichen leben es vor. In ihr entstand der Wunsch, noch entschiedener als zuvor für Versöhnung zu arbeiten. Aus dieser ersten Begegnung entstand in den nächsten Wochen und Monaten eine tiefe Beziehung zum Jerusalemer Jugendchor. Nun hat sie die Öffentlichkeitsarbeit für den Chor übernommen. Im Herbst hat sie den Chor bei seiner Tournee in Kanada begleitet. So erlebte sie die Jugendlichen nicht nur in den Konzerten, sondern auch bei den Proben und bei Ausflügen und Besichtigungen. Und sie knüpfte intensive Beziehungen zu den Erwachsenen, die die Jugendlichen umgeben. Hassan ist einer von ihnen. Er hat als Jugendlicher mitgesungen. Inzwischen ist er einer der Verantwortlichen geworden. Er ist ein beeindruckender Mensch. 

 

Vor ein paar Tagen schrieb sie uns, den Freundinnen und Freunden des Chores, stellte sich vor und erzählte ihre Geschichte. Das hat mich so bewegt, dass ich sie heute weitererzähle.

 

Überstandener Schrecken kann Menschen verwandeln. Er kann sie stärker machen. Noch entschiedener, ein Werkzeug des Friedens zu werden. Liebe zu üben, wo man sich hasst. Hoffnung zu bringen, wo Verzweiflung wohnt. 

 

Für Jojo und Micah und Hassan und die Jugendlichen ist dies ein Herzensanliegen. Sie sind froh, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die dieses Anliegen mit ihnen teilen. Menschen, welche aus der Lähmung herauskommen.  Menschen, die beherzt für den Frieden eintreten. 

 

Nicht jeder Jude ist ein Befürworter des Gazakriegs. Nicht jeder Palästinenser ist ein potentieller Attentäter. Es ist wichtig, dass wir uns das immer wieder bewusst machen, und dass wir uns mit denen verbinden, die für Versöhnung eintreten. 

 

Alles Liebe und Gute für euch und für Sie! 

Gabriele Koenigs 

 


Hier zeige ich Ihnen und Euch eines der beeindruckendsten Videos, das ich kenne. Die Gospelsängerin Odetta singt auf einer Konferenz über Gewaltlosigkeit, schon im Rollstuhl, sehr gebrechlich,  aber mit mitreißender Stimme und Ausstrahlung. "Glory, glory, halleluja - Help us lay our burden down": Ehre sei dir, Gott! Halleluja! Hilf uns, unsere Lasten loszulassen! 

 

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Hier singt der Jerusalemer Jugendchor ein Lied, das die Jugendlichen selbst geschrieben und zusammen mit ihrem Chorleiter komponiert haben.  "We must choose a different way" - übersetzt: Wir müssen einen anderen Weg finden! 

 

Hier können Sie ein ganzes Konzert des Jerusalemer Jugendchores miterleben. Es ist eine Aufnahme aus dem vergangenen Jahr. Hier kommen auch Hassan und Micah zu Wort. Und Sie erleben die mitreißende Ausstrahlung dieser Jugendlichen. Viel Freude dabei!