Paula meldet sich

Über den Abgründen wird es Licht. Abstraktes Gemälde in Mischtechnik auf Leinwand von Gabriele Koenigs (2017). Privatbesitz
Über den Abgründen wird es Licht. Abstraktes Gemälde in Mischtechnik auf Leinwand von Gabriele Koenigs (2017). Privatbesitz

Vor ein paar Tagen war ich eingeladen, ein Frauenfrühstück zu gestalten. Es war ein schöner Vormittag. Mehr als 50 Frauen waren gekommen, und sie hörten mir voll Interesse zu und beteiligten sich lebhaft am Gespräch. Eine der Anwesenden hatte etwas Besonderes auf dem Herzen. Schon vor dem Beginn der Veranstaltung, während ich noch beim Aufbauen meiner kleinen Gemäldeausstellung war, sprach sie mich an. "Sind Sie mit einem Pfarrer verheiratet? Heißt er Schäberle-Koenigs?" Ich bejahte das und war gespannt, warum sie das wissen wollte. 

 

"Vor 7 Jahren hat er die Beerdigung meines Vaters gestaltet", sagte sie. "Unser Pfarrer war damals verhindert. Darum kam Ihr Mann als Vertretung. Er war genau der Richtige für uns. Und er hat uns damals beim Trauergespräch etwas gesagt, was ich damals gar nicht verstehen konnte. Aber jetzt verstehe ich es. Das möchte ich ihm so gerne sagen. Können Sie ihm das bitte ausrichten?" Ich kann mir Namen und Details nicht so gut merken - schon gar nicht, während ich eigentlich mit etwas anderem beschäftigt bin. Darum bat ich sie, ihm ein kleines Briefchen zu schreiben, welches ich ihm übergeben würde. Diese Idee gefiel ihr. Sie setzte sich hin und schrieb ihm einen kleinen Brief. Sie setzte ihren Namen darunter. Hier nenne ich sie Paula. Im Lauf des Vormittags übergab sie ihn mir. Ich sagte dann noch: "Mein Mann wird kommen und mich mit dem Auto abholen, wenn diese Veranstaltung zu Ende ist. Wenn Sie wollen, können Sie gerne auf ihn warten und mit ihm persönlich sprechen." Ihre Augen leuchteten. Tatsächlich wartete sie auf ihn und sprach mit ihm. 

 

Damals in dem Trauergespräch waren alle Beteiligten noch sehr erschüttert von den Stunden und Tagen am Sterbebett des geliebten Menschen. Es war ihnen sehr schwergefallen, dass sie gar nichts mehr für ihn tun konnten außer da zu sein, die Hand zu halten und ihn mit liebevoller Fürsorge zu umgeben. Das Sterben konnten sie nicht aufhalten, so gerne sie das auch getan hätten. Sie mussten mit ansehen, wie er immer schwächer wurde. Zum Schluss konnte er nicht mehr sprechen. Sie waren sich nicht sicher, ob er sie noch hören konnte. Immer wieder dämmerte er vor sich hin. Sie lösten sich ab. Einer blieb stets am Sterbebett und wachte. Als er seinen letzten Atemzug tat, war seine Tochter Paula bei ihm. Nie zuvor war sie beim Sterben eines Menschen anwesend gewesen. 

 

Mein Mann sagte damals im Trauergespräch: "Es ist ein Segen, dass Sie dabei gewesen sind und ihm diesen Liebesdienst getan haben. Sie werden merken, wie wichtig das war - nicht nur für den Verstorbenen, sondern auch für Sie selbst. In vielen Familien ist so etwas nicht möglich. Aber Sie haben es geschafft, mit vereinten Kräften. Das ist richtig gut." Damals konnte Paula gar nicht verstehen, was daran gut sein sollte. Aber nun weiß sie es. Es ist ein großer Frieden in sie eingekehrt. Sie ist froh, dass sie damals nicht davongelaufen ist, sondern ausgehalten hat. Sie ist reifer geworden durch diese Erfahrung. Sie muss den Gedanken an Tod und Sterben nicht mehr verdrängen. Sie traut sich jetzt, darüber nachzudenken und darüber zu sprechen. 

 

Beim Frauenfrühstück hatte ich 14 Bilder ausgestellt. Mein Gemälde von einer sterbenden Frau hatte ich mitgebracht, aber noch nicht so hingestellt, dass die Anwesenden es sehen konnten. Ich wusste nicht, ob es in die Situation passen würde. Ich wollte die Anwesenden nicht erschrecken. Ich sagte ihnen bei der Einführung, dass ich dieses Bild dabei habe, aber noch nicht sicher bin, ob wir es betrachten. Wir fingen zunächst mit den heiteren Bildern an. Die Frauen wählten eines nach dem anderen aus und wollten die Geschichte dazu hören. Paula war es, die sich schließlich meldete und sagte: "Zeigen Sie uns bitte auch das Bild der sterbenden Frau." Ich fragte in das Publikum, ob die anderen das Bild auch sehen wollten. Viele gaben zu erkennen, dass sie es sehen wollten. So holte ich dieses Bild nach vorne. Wir betrachteten es zusammen und ich erzählte von den Begegnungen, die ich damals an ihrem Sterbebett hatte. Wir sprachen über friedvolles Sterben und über den Glauben. Das war wichtig. Paula war es, die den Mut gehabt hatte, das Gespräch darüber zu eröffnen.

 

Die Begegnung mit Paula hat meinen Mann und mich sehr bewegt. Es kommt ja nicht so oft vor, dass wir jahrelang nach einer Begegnung erzählt bekommen, was daran wichtig war. Es kommt nicht so oft vor, dass wir erfahren, wie gut und wahr die Worte waren, die wir einmal gesprochen haben. Manchmal denken wir: "Worte sind Schall und Rauch". Sie werden ganz schnell wieder vergessen. Aber nein: Sie können wirksam sein, wahr und gut. Sie können genau in eine Situation treffen. Sie können trösten und eine Perspektive zeigen. Immer wieder geschieht so etwas. Meistens erfahren wir es nicht. Es gibt selten einen Menschen wie Paula, der Jahre nach einer Begegnung davon erzählt, wie gut das damals war. Wahrscheinlich ist es auch gar nicht nötig, dass das oft passiert. Die eine steht für viele. Wir sind sehr dankbar für diese Begegnung. 

 

Ist es Ihnen auch schon so gegangen, dass Sie Jahre später davon erfahren haben, wie wichtig ein Wort von Ihnen, eine Geste, eine Tat gewesen ist? Kennen Sie das Gefühl der tiefen Befriedigung, das durch eine solche Begegnung einkehrt? Wenn Sie mögen, erzählen Sie davon. 

 

Ganz herzliche Grüße

Gabriele Koenigs 

  


Hier können Sie den Beginn des "Deutschen Requiems" von Brahms hören. Es beginnt mit der Vertonung der Verheißung von Jesus: "Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden." 

Sehr eindrucksvolle, tröstende Musik. Viel Freude beim Anhören! 

 

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Hier können Sie ein eindrucksvolles Gedicht von Hilde Domin hören. Sie schreibt darüber, wie kostbar die Zeit an den Sterbebetten ist. 

Hier singt Sefora Nelson "Von guten Mächten treu und still umgeben...". Diesem wichtigen Text aus dem Nachlass von Dietrich Bonhoeffer hat sie eigene Melodie gegeben, sehr schön! Das Video ist hinterlegt mit Bildern aus dem Film über Dietrich Bonhoeffer, der in diesem Jahr erschienen ist.