
Karin hat ihr Auto genossen. Sie ist zum Einkaufen gefahren. Sie hat Freundinnen und Bekannte besucht. Sie hat an Kursen und Freizeiten teilgenommen. Ihr Auto hat ihr treue Dienste getan. Aber nun ist es verschrottet. Und Karin will nie mehr hinter ein Steuer sitzen.
Vor 5 Wochen war sie mal wieder in ihrer alten Heimat. Es sind beinahe 2 Stunden Fahrt bis dorthin. Weil es so weit ist bis dorthin, verbindet sie jeweils einige Besuche und Erledigungen mit so einer Fahrt. Auf der Heimfahrt wollte sie noch kurz bei einer Bekannten vorbeigehen, die ihr noch ein paar Weintrauben mitgeben wollte. Sie fuhr in das Anwesen hinein, wie gewohnt. Aber plötzlich beschleunigte das Auto. Karin wusste gar nicht, was ihr geschah. Vor lauter Schrecken wusste sie gar nicht mehr, welches Pedal oder welchen Knopf sie jetzt drücken sollte. Vor ihr war das Garagentor, aber sie konnte das Auto auf der abschüssigen Einfahrt nicht zum Halten bringen. Es fuhr gegen das Tor. Ein heftiger Schlag erschütterte das Auto. Endlich blieb es stehen. Karin zitterte. Sie wollte die Autotür öffnen und das Auto verlassen, aber die Tür ging nicht auf. Sie schaffte es, über den Beifahrersitz an die andere Seite zu rutschen. Die Tür auf der anderen Seite ließ sich öffnen. Karin konnte nach draußen gelangen. Sie klingelte. Ihre Bekannte öffnete die Tür und sah die Bescherung. "Ich habe einen Schlag gehört", sagte sie. "Aber ich dachte nicht, dass das bei uns ist!" "Ist alles okay mit dir, Karin?" "Ich bekomme ganz schlecht Luft", sagte Karin. "Und ich bin ganz zittrig auf den Beinen. Und es tut mir so leid, dass ich euer Garagentor beschädigt habe! Mein Auto hat sich einfach selbstständig gemacht!"
Die Bekannte rief ihren Sohn und ihren Mann dazu. Sie berieten kurz. Einer brachte Karin ein Glas Wasser. Einer brachte einen Stuhl. Einer rief den Notdienst an. Und sie redeten Karin gut zu. "Mach dir keine Sorgen! Das kommt alles wieder in Ordnung! Aber du musst ins Krankenhaus und untersucht werden, ob du innere Verletzungen hast!" Karin nickte. Die Fürsorge dieser drei Menschen tat ihr gut. Und das Beste war, dass sie ihr keine Vorwürfe machten. Der Mann der Bekannten erzählte ihr, dass ihm auch einmal so etwas Ähnliches passiert ist. Sein Traktor hatte sich selbstständig gemacht, weil er die Bremsen nicht gut angezogen hatte. Zum Glück war niemand dabei zu Schaden gekommen. "Oh ja", sagte Karin. "Ich bin auch so froh, dass mein Auto keinen Menschen angefahren hat!" Der Sohn der Bekannten sagte: "Ein Garagentor lässt sich ersetzen. Mach dir keine Sorgen! Für so etwas hat man eine Versicherung!"
Nach kurzer Zeit kam der Krankenwagen. Karin durfte sich hinlegen. Die Sanitäter untersuchten sie. Einer sagte: "Da stimmt etwas nicht an Ihrer Brust!" "Aber machen Sie sich keine Sorgen! Wir bringen Sie in das Krankenhaus. Und ich bleibe neben Ihnen sitzen, bis wir dort sind." Wir müssen nur noch einen Moment auf die Polizei warten. Denn der Unfall muss aufgenommen werden. Wenn es Ihnen zu viel ist, kommt die Polizei nicht in den Krankenwagen. Aber es wäre gut, wenn sie Sie kurz befragen könnten, ordnungshalber." Karin nickte. Sie war unendlich schwach und sie fror. Aber sie war in guten Händen. Jemand deckte sie zu. Nach einer Weile klopfte es an die Tür. Eine Polizistin kam herein. "Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist", sagte Karin. "Mein Auto hat sich einfach selbstständig gemacht!" "Haben Sie Alkohol getrunken", fragte die Polizistin. "Nein, überhaupt nicht", sagte Karin. Ich komme ja gerade vom Frühstück und wollte weiterfahren nach Hause." "Waren Sie angeschnallt", fragte die Polizistin. "Ja, klar, ich schnalle mich immer an!" "Dann ist es alles gut", sagte die Polizistin. "Erholen Sie sich erst einmal von dem Schrecken. Wir kümmern uns um alles Weitere."
Auf der Fahrt zum Krankenhaus sagte der freundliche Sanitäter. "Wir haben heute schon einige Leute in die Notaufnahme gebracht. Stellen Sie sich darauf ein, dass es dort länger dauern wird. Aber Sie werden dort bestimmt gut versorgt. Und es ist wichtig, dass Sie gründlich untersucht werden!" Karin fielen jetzt die Augen zu. Ein paar Augenblicke Ruhe, das tat gut. Im Krankenhaus dauerte es dann wirklich lange. Aber alle waren sehr freundlich zu ihr. Sie wurde von einer Untersuchung zur anderen gebracht. Die Röntgenaufnahme zeigte, dass eine Rippe gebrochen ist. Aber sonst fanden sie nichts. Nach 3 1/2 Stunden sagte ein Arzt: "Wir haben jetzt alles untersucht. Aber wir wollen Sie hierbehalten, vorsichtshalber. Sie werden jetzt auf ein Zimmer gebracht." "Danke für alles", sagte Karin. "Danke, dass Sie so fürsorglich sind".
Karin wurde in ein Zimmer gebracht. Die Schwester, die sie mit der Untersuchungsliege hochgefahren hatte, half ihr in das Bett hinein und zeigte ihr, wie sie ihr Kopfteil verstellen konnte und wo der Schwesternrufknopf ist. Nun konnte sie wesentlich bequemer liegen. Aber sie hatte natürlich kein Nachthemd dabei, keine Zahnbürste - nichts, was man normalerweise im Krankenhaus braucht. Die Bettnachbarin hatte gerade Besuch. Sie war in Karins Alter, auch schon über 80 Jahre alt. Ihr Gesicht war übel zugerichtet. Sie hatte viele Verbände. Sie war im Garten gestürzt. Karin stellte sich kurz vor und erzählte, dass sie an diesem Morgen einen Autounfall gehabt hat. "Wo ist das passiert", fragte der junge Mann, der bei der Bettnachbarin gerade zu Besuch war. Karin nannte den Namen des Ortes. "Das ist nicht weit von uns. Ich fahre nachher dorthin und hole Ihre Sachen." Karin wollte zunächst ablehnen, aus lauter Bescheidenheit. "Sie geben mir hier bestimmt ein Krankenhausnachthemd und eine Zahnbürste!" "Mit den eigenen Sachen ist es einem doch bestimmt wohler", sagte der junge Mann. "Machen Sie sich keine Sorgen, ich regle das für Sie!" Dankend nahm Karin sein Angebot an. Und sie bekam endlich etwas zu trinken und zu essen. Seit dem Frühstück hatte sie nichts mehr zu sich genommen.
Noch heute ist Karin ganz gerührt, wenn sie von dem Tag des Unfalls und den Tagen danach erzählt. Wildfremde Menschen, die sie noch nie vorher gesehen hatte, waren so freundlich und hilfsbereit zu ihr. Von allen Seiten war sie mit Liebe und Fürsorge umgeben. Die Bekannten, in deren Anwesen der Unfall geschehen war, hatten einen Abschleppwagen bestellt und das Auto wegbringen lassen. Sie hatten das Abschleppauto fotografiert, damit Karin wusste, bei welcher Firma ihr Auto steht. Als ein Verwandter von Karin kam, um sie aus dem Krankenhaus abzuholen, fuhren sie als erstes in diese Firma. Sie konnten dort alles regeln, was nötig war, und auch die Unterlagen für die Versicherung ausfüllen. Karin gab den Autoschlüssel im Autohaus ab. Während sie im Krankenhaus lag, war ihr Beschluss gefallen. "Ich werde nicht mehr an ein Steuer sitzen!" "Jetzt ist es Zeit, den Führerschein abzugeben!"
Karin ist im Frieden mit diesem Beschluss. Es war wirklich Zeit. Es war ihr in letzter Zeit so schwergefallen, den Kopf zu drehen und zu schauen, wer hinter ihr und neben ihr auf der Fahrbahn ist. Und sie hat unter dem hohen Tempo des Verkehrs gelitten. Sie fühlte immer wieder, dass sie bei diesem Tempo nicht mehr mithalten kann. Das Fürchterlichste wäre es, wenn jemand durch sie zu Schaden kommt. Das will Karin auf keinen Fall riskieren. Die Verantwortung beim Autofahren hat sie zunehmend belastet. Und nun ist das weg. Karin ist wie befreit.
Ab und zu muss sie nun jemanden bitten, sie hierhin oder dorthin zu fahren. Im Notfall gibt es immer noch ein Taxi. Und viele Wege gehen für sie auch zu Fuß. Alle, die sie kennen und lieben, sind froh, dass sie den Unfall überstanden hat, und sind gerne bereit, sie zu unterstützen, so gut es geht.
So schwer dieses Erlebnis auch war: Karin ist froh und dankbar. Sie ist so wunderbar behütet worden in allem. Sie weiß das, und sie drückt es auch aus.
Als sie mir ihre Geschichte erzählte, hatte ich Tränen in den Augen. Und ich empfand, dass es genauso ist wie in Bonhoeffers Gedicht:
"Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar.
So will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr."
Mögt auch ihr behütet und getröstet sein, immer wieder!
Alles Liebe und Gute für Euch und für Sie!
Gabriele Koenigs
Hier können Sie ein ganz besonderes Musikstück hören, komponiert von dem zeitgenössischen Komponisten Karl Jenkins aus Wales (* 1944). . Er hat für dieses Stück eine ganz eigene Sprache erfunden. Sie klingt ein bisschen wie lateinisch, ein klein bisschen wie französisch , aber sie ist unübersetzbar. Alles, was gesagt wird, wird durch die Klänge und den Rhythmus gesagt. Ein ausgezeichneter Chor aus Vilnius singt es hier.
Können Sie den Jubel hören, die Erleichterung, den überstandenen Schrecken, das Staunen?
Was hören Sie sonst noch?
Viel Freude beim Anhören!
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Und hier singt Siegfried Fietz sein Lied: Von guten Mächten wunderbar geborgen...
Es ist Karins Lieblingslied.
Viel Freude beim Anhören und Mitsingen!
