
Die Zeit, die wir an Sterbebetten verbringen, ist eine ganz besondere Zeit. Meine Seelsorgelehrerin hat immer wieder gesagt: "Die Zeit an den Sterbebetten ist heilige Zeit". Wir begegnen dem Unaussprechlichen. Wir werden weit über uns selbst hinausgeführt. Nirgends lernen wir so viel über das Leben und den Tod und uns selbst wie dort. Als Seelsorgerin habe ich immer wieder Menschen beim Sterben begleitet. Es war für mich eine sehr bewegende und wichtige Aufgabe. Ich denke gerne daran zurück.
Meine Freundin Hannelore Strohäker engagiert sich als ehrenamtliche Mitarbeiterin beim Ambulanten Hospizdienst. Diese Aufgabe bedeutet ihr viel. Immer wieder hat sie mir etwas davon erzählt. Nun habe ich sie eingeladen, etwas von ihren Gedanken und Gefühlen und Erfahrungen aufzuschreiben, für euch und für Sie alle. Hier sind ihre Worte:
" Sterben und Tod. Das ist ein Thema, das man möglichst vermeiden möchte. Doch das ist das einzig 100%ige, das uns allen widerfahren wird. Wie oft fühlen wir uns in einer entsprechenden Situation hilf- und machtlos. Auch mir ging es so. Als in meiner Familie und im Freundeskreis liebe Menschen im Sterben lagen, fühlte ich mich total hilflos. Ich hatte Angst etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Mit dem Wissen, das ich heute habe hätte ich anders damit umgehen, Dinge direkter ansprechen können.
Vom Hospizdienst hatte ich immer wieder gelesen und gehört. 2014 habe ich mich entschieden bei dem sechsmonatigen Einführungsseminar des Ökumenischen Hospizdienst in unserer Region mitzumachen. Ich habe es mir lange und gründlich überlegt. Ich wollte nicht nur einfach ein Seminar besuchen, sondern später auch ehrenamtlich mitarbeiten. Doch war dieses Ehrenamt etwas für mich? Ich bin ein sehr emotionsvoller Mensch und hatte keine bis ganz wenig Erfahrung mit dem Sterben und Tod. Würde mich die Begleitung von Sterbenden „hinunterziehen“? War ich „stabil“ genug? Mir kommen doch schon die Tränen bei einem schönen Lied. Auch mein Mann äußerte Bedenken. Doch innerlich hatte ich mich schon so darauf vorbereitet, dass ich einen Termin machte um mich vorzustellen. Vom ersten Moment an hatte ich das Gefühl am richtigen Platz zu sein.
Im Einführungsseminar und den praktischen Stunden in einem Pflegeheim und beim ambulanten Pflegedienst wurde ich intensiv auf die Aufgabe vorbereitet. Ich lernte mich und meine persönlichen Grenzen kennen. Heute kann ich Nähe zu den Betroffenen zulassen, aber auch Distanz wahren. Und ich habe in dem Seminar sehr viele wertvolle Menschen kennengelernt. Und wer denkt: „Oje, das würde mich viel zu sehr runterziehen. Immer nur vom Sterben und Tod zu reden“ kennt uns nicht. Wir sind fröhliche Ehrenamtliche, wir lachen, diskutieren, hören zu, respektieren uns und weinen - so wie es zur Situation passt. Wir schätzen uns gegenseitig. Wir genießen das Leben und haben Respekt vor dem Sterben, dem Tod und der Trauer. Alles gehört zusammen und ist in Verbindung.
Meine erste Begleitung war so wie ich es mir nicht gewünscht hatte. Die Frau konnte nicht mehr sprechen und alles lief nur über den Blickkontakt. Das war nicht einfach und doch fanden wir eine Verbindung zueinander. Das war besonders und hat mich sehr beruhigt. Es gibt eine Verbindung, die wir nur fühlen können, die im Stillen und nur im Da-sein funktioniert. Wie die Menschen sterben, ist sehr unterschiedlich. Es ist so individuell, wie sie gelebt haben. Es gibt keine Norm. Als Sterbebegleiterin will ich mich auf jeden Betroffenen - unabhängig von Nationalität, Religion, Weltanschauung und Alter - neu einlassen. Manchmal gibt es die Möglichkeit, miteinander zu reden, zu singen, spazieren zu gehen oder vorzulesen. Manchmal ist ein Gebet gewünscht. Manchmal nur ein schlichtes Händehalten. Immer! entscheidet der Betroffene. Ganz oft sitze ich still am Bett oder im Raum und bin einfach da. Dieses Da-sein ist für viele Angehörigen eine Entlastung. Sie können Besorgungen machen, sich ausruhen, einmal abschalten. Sie wissen ja, dass jemand beim Sterbenden ist. Jemand, der keinen Zeitdruck hat.
Natürlich gibt es auch herausfordernde und belastende Begleitungen. Gerade wenn es um jüngere Menschen geht, wenn Kinder zurückbleiben oder eine Krankheit den Menschen sehr unruhig werden lässt. Oder wenn der Betroffene wütend ist, laut wird und sich schwer beruhigen lässt. Auch das verzweifelte Festhalten von Angehörigen und ihre Versuche, das Unvermeidliche aufzuhalten, obwohl der Sterbende am Ende seiner Kräfte ist, verlangen viel sensibles Zuhören und Verständnis. Dabei ist es wichtig, dass wir Ehrenamtliche die Schweigepflicht sehr ernst nehmen. Regelmäßige Gruppentreffen, Supervisionen und Fortbildungen helfen mir, mit belastenden Situationen gut umzugehen. Auch die Rückmeldung bei der Einsatzleitung nach jeder Begleitung gibt viel Sicherheit. Ich kann kurz erzählen, wie der Einsatz war und habe jederzeit die Möglichkeit, auch länger darüber zu reden. Das hilft mir, wieder in das Hier und Jetzt zurückzukehren und den nötigen Abstand zu finden.
Es gibt immer wieder ganz schlichte, aber besondere Momente. Bei einer Begleitung wurde mir vom Pflegepersonal gesagt, dass die Frau leider nicht mehr viel, bzw. gar nicht mehr spricht. Ich habe ihr abends das Abendbrot gereicht, ihr erzählt und etwas vorgelesen und beim Abschied schaut sie mich an und sagt leise: "Danke! "Sonst nichts. Aber wie schön war dieser Moment für mich und uns beide. Oder eine Frau, die ein Gebet wollte und mir danach um den Hals gefallen ist und mich ganz feste gedrückt hat. Eine längere Begleitung, die mit einem letzten schönen Spaziergang, guten Gesprächen und viel Lachen geendet hat. Danach haben wir uns nicht mehr gesehen. Das sind die Augenblicke, die mit nichts zu vergleichen sind.
Ich habe die Ehre, Sterbende zu begleiten. Sie lassen mich so nahe an sich heran, obwohl sie mich nicht kennen und davor noch nie gesehen haben. Immer wieder erlebe ich, dass der Mensch in seiner letzten Lebenszeit so ehrlich – ganz „pur“ ist.
2018/19 habe ich das Seminar zur Trauerbegleitung gemacht. Für mich gehört die Sterbe- und Trauerbegleitung nahe zusammen. Schon während der letzten Lebensphase sind auf der anderen Seite die Angehörigen und Freunde, die vielleicht schon beginnen zu trauern. Auch den Trauernden gut zu begegnen ist mir wichtig. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Verlust ein paar Tage, Wochen oder Jahre zurückliegt. Die Trauer ist so facettenreich und hat eine ganz eigene Dynamik. Auch diese Begleitungen sind völlig individuell. Gut zuhören zu können, ist unsere wichtigste Aufgabe. Manchmal reicht ein Gespräch, manchmal braucht es mehr Begleitungstermine, um den Verlust eines Menschen zu begreifen. Es sind die kleinen, positiven Schritte der Trauernden, die uns Ehrenamtlichen Freude machen.
Die Hospizarbeit hat mich verändert. Vieles ist nicht mehr so wichtig und nicht nötig. Am Ende vom Leben gehe ich ohne alles. Frieden im Herzen zu haben, Frieden mit meinen Nächsten und liebevolle Erinnerungen sind für mich wertvoll. Und zu wissen: Ich bin nicht allein. Da ist EINER, der mit mir geht. Jeden Schritt."
(Hannelore Strohäker)
Vielen Dank, liebe Hanni, für deine Erzählung. Ich wünsche dir und allen denen, die sich zusammen mit dir im Dienst für die Sterbenden engagieren, viel Kraft und Weisheit. Danke für euren Dienst. Danke für eure Erkenntnisse, und dass ihr darüber sprecht. Danke für eure Liebe.
Uns allen wünsche ich den Mut, dass wir da sind, wenn Sterbende uns brauchen. Dass wir diesen Situationen nicht ausweichen. Dass wir uns ganz hineingeben. Dass wir offen und bereit sind, zu empfangen, was uns in diesen Situationen geschenkt wird. Und dass wir um Unterstützung bitten, wenn wir sie brauchen.
Manche von euch haben vor nicht allzulanger Zeit einen Menschen ziehen lassen müssen, der euch wichtig war. Beim Lesen sind euch vielleicht schmerzhafte Erinnerungen aufgetaucht. Friede sei mit euch!
Herzliche Grüße
Gabriele Koenigs
Hier können Sie ein Lied aus Taizé hören und mitsingen:
"Meine Hoffnung und meine Freude,
meine Stärke, mein Licht.
Christus, meine Zuversicht.
Auf dich vertrau ich
und fürcht mich nicht."
Viel Freude dabei!
Videos bei youtube sind mit Werbung verbunden. Lassen Sie sich dadurch nicht ablenken. Sie können die Werbung deutlich verkürzen, indem Sie auf die Schaltfläche klicken, die nach wenigen Sekunden rechts unter dem Video erscheint: überspringen.
Hier können Sie eines von Hannis Lieblingsliedern hören: "Geh unter der Gnade". Es stammt von dem Liedermacher Manfred Siebald. Hier hören Sie eine Klavierbegleitung dazu. Der Text wird eingeblendet. So können Sie ganz leicht mitsingen, wenn Sie mögen. Viel Freude dabei!
