Richards letzter Wunsch

Gott wird alle Tränen abwischen. Überarbeitete Fassung eines Ölgemäldes auf Leinwand von Gabriele Koenigs (2025). 70 cm x 50 cm. Als Original erhältlich
Gott wird alle Tränen abwischen. Überarbeitete Fassung eines Ölgemäldes auf Leinwand von Gabriele Koenigs (2025). 70 cm x 50 cm. Als Original erhältlich

Sigrid deckt den Tisch. Sie hat ihre große Familie eingeladen. Morgen, am Totensonntag, werden sie zusammen in den Gottesdienst gehen. Richards Name wird vorgelesen. Eine Kerze wird für ihn angezündet. Sie werden zusammen mit der ganzen Gemeinde singen und beten. Danach will Sigrid nicht alleine sein. Sie möchte ihre Familie um sich haben. Jedenfalls die, die in erreichbarer Nähe wohnen. 

 

Richard ist schon fast 3 Monate tot. Aber er ist ihrem Herzen ganz nahe. Und alles, was geschehen ist rund um seine Sterben steht ihr so lebendig vor Augen, als sei es gestern gewesen. 

 

Richard war schon länger krank. Er brauchte regelmäßig Dialyse. Er konnte das zuhause gut machen. Er war gebrechlich. Zum Gehen brauchte er den Rollator. Aber er nahm am Leben seiner großen Familie und seiner Gemeinde teil. 

 

Früher hatte er neben seinem Beruf und der Familie viele Aufgaben gehabt. Sein Leben lang hat er sich für die Jugendarbeit engagiert. Er hat Zeltlager geleitet, Gottesdienste vorbereitet, an Arbeitseinsätzen und Besprechungen und Sitzungen im Kirchenbezirk teilgenommen. Dies alles ging nun nicht mehr, und es fehlte ihm. Aber er wusste, dass andere das Werk weiterführen, auf ihre Weise. In allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die sich an Jesus Christus orientieren und seinen Worten trauen und ihm nachfolgen. Wird es auch weiter so sein? Wer wird den Glauben weitergeben? Er rang in sich um das Vertrauen, dass Gott weiß, wie es weitergehen kann. 

 

Nun ist er im Krankenhaus, seit zwei Wochen schon. Er hat Fieber. Seine Blutwerte sind ganz schlecht. Nachdem die Dialyse abgebrochen werden musste, kommt der Arzt zu ihm. Er sagt: "Wir können leider nichts mehr für Sie tun. Ihre Organe versagen den Dienst. Wir können nur noch Ihre Schmerzen lindern." Richard lässt die Nachricht in sich einsinken. Er ist kein Mann von vielen Worten. Aber schließlich steigt eine Antwort in ihm auf. "Dann möchte ich aber heute noch mit meiner Frau ein Stück Torte essen!" Der Arzt schmunzelt. "Ja, tun sie das", sagt er. Dann ruft er bei Sigrid an. "Kommen Sie bald! Bei Ihrem Mann geht es bald zu Ende. Und er will mit Ihnen noch ein Stück Torte essen!"

 

In Windeseile packt Sigrid ein paar Sachen zusammen. Zum Bäcker will sie jetzt nicht gehen. Das dauert viel zu lang. Aber ihr fällt ihre Veeh-Harfe ins Auge. "Die nehme ich mit", denkt sie. "Vielleicht tut es ihm gut, wenn ich noch ein paar Lieder für ihn spiele." 

 

Im Krankenhaus hat sie zuerst noch ein kurzes Gespräch mit dem Arzt. Danach geht es zu ihrem Mann ins Zimmer. Sie begrüßen einander zärtlich. Sie merkt ihm an, wie schwach er ist. Aber sein Atem kommt noch regelmäßig. Frieden ist um ihn. Immer wieder schläft er ein Weilchen. 

 

Sie ruft ihre Kinder an. "Kommt bitte! Wir müssen heute Abschied nehmen! Und einer von euch soll bitte ein gutes Stück Sahnetorte mitbringen!" 

 

Eines nach dem anderen trifft ein. Auch die Enkelkinder sind mitgekommen. Sie rutschen im Krankenzimmer zusammen. Sie reden nicht viel. Manche weinen leise. Sie nehmen einander in den Arm. Zärtlich berühren sie den Sterbenden. Sie sagen ihm liebe Worte. Ja, er soll es nochmals hören, wie sehr sie ihn geliebt haben und wie dankbar sie ihm sind. Mit großen Augen schaut er sie an. Auch er sagt noch ein paar Worte, ganz leise. Am Nachmittag gibt er ihnen zu verstehen, dass er aufsitzen möchte. Sie verstellen sein Kopfteil und geben ihm Polster in den Rücken. "Wäre es jetzt Zeit für deine Torte", fragt eine seiner Töchter. Richard nickt. Stückchen für Stückchen lässt er sich die leckere Torte auf der Zunge vergehen. Alle sehen, wie gut sie ihm schmeckt. Normalerweise hat er sich immer ein Stück Torte mit Sigrid geteilt. Aber als sie sieht, wie er die Torte genießt, sagt sie: "Iss du sie ganz! "Als die Torte gegessen ist, möchte er wieder flach liegen. Er ist sehr müde geworden. Draußen dämmert es schon. 

 

"Können wir euch beide jetzt alleine lassen", fragt eines der Kinder. Sigrid nickt. Sie wird bei ihm bleiben. Und es ist gut, dass nun größere Ruhe einkehrt rund um das Sterbebett. 

 

Jemand vom Pflegedienst bringt ein zusätzliches Bett. "Es ist mit dem Arzt abgesprochen, dass Sie hier übernachten dürfen!" Dankbar nimmt Sigrid das an. 

 

Vor dem Zu-Bett-Gehen nimmt sie ihre Veeh-Harfe aus der Hülle. Sie spielt ein paar Lieder, die er sehr gerne mag. Die sanften Klänge beruhigen sie. Auch er macht den Eindruck, als täte ihm das gut. Schließlich gibt sie ihm einen Gute-Nacht-Kuss und legt sich auch selbst zu Bett. Überraschend schnell schläft sie ein. Wenn sie aufwacht, hört sie seinen leisen Atem neben sich. Beruhigt schläft sie weiter. 

 

Am frühen Morgen wacht sie auf. Neben ihr ist es still, ganz still. Sigrid weiß, was das bedeutet. Sie setzt sich an Richards Bett. Tränen fließen über ihr Gesicht. Sie wird überflutet von Traurigkeit und Liebe, beides zugleich. Sie braucht jetzt Zeit, um nochmals mit ihrem geliebten Mann allein zu sein. Erst eine halbe Stunde später klingelt sie nach der Schwester. 

 

Sigrid ist froh, dass er so im Frieden sterben durfte, und dass sie an diesem letzten Tag und in der letzten Nacht bei ihm sein konnte. Sie ist bewegt von der Anteilnahme der vielen, die ihr das Beileid ausgesprochen haben. Viele haben ihr erzählt oder geschrieben, was Richard ihnen bedeutet hat. Viele haben mit ihr um ihn geweint. 

 

Sigrid ist ganz tief getröstet. Manchmal kommen ihr die Tränen, wenn eine Erinnerung sie überkommt. Aber sie ist nicht verzweifelt. Sie weiß ihren geliebten Mann bei Gott geborgen. Und sie wendet sich dem Leben zu. Allmählich beginnt sie schon damit, Pläne zu machen für das kommende Jahr. 

 

Erst einmal freut sie sich auf alle, die morgen kommen werden. Sorgfältig deckt sie den Tisch und denkt sich aus, wie sie das Zusammensein gestalten wird. Im Wohnzimmer steht ein schönes Foto von Richard. Er strahlt darauf von ganzem Herzen. Sie stellt eine Blume dazu. Der morgige Tag soll dem Gedenken an Richard gewidmet sein. 

 

Mögen alle, die um einen geliebten Menschen trauern, getröstet werden! Gottes Liebe währt von Ewigkeit zu Ewigkeit - weit hinaus über die kurze Spanne unseres Erdendaseins. Diese Liebe vergeht nicht. In ihr sind wir geborgen, heute und in Ewigkeit. 

 

Alles Liebe und Gute für Sie und für euch! 

Gabriele Koenigs 

 

 

 

 

 

 


Hier können Sie die Vertonung von Versen aus dem Buch Hiob hören: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!" Georg Friedrich Händel hat diese Vertonung geschaffen. Es ist eine Arie aus dem großen Oratorium "Der Messias". Das ist eines der tröstlichsten Musikstücke, die ich kenne. Viel Freude beim Anhören! 

 

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