
Vor zwei Wochen habe ich etwas ganz Schönes erlebt. Etwas Kostbares und Ungewöhnliches. Ich bin sehr dankbar dafür. Dabei hat es mit einem großen Schrecken begonnen.
Für meine Aquarellkurse miete ich in Zavelstein einen Raum im Alten Rathaus. Ich mache die Termine dafür schon Monate im Voraus. Die Absprachen klappen zuverlässig, schon seit Jahren. Mit der freundlichen Mitarbeiterin der Stadtverwaltung, die für die Belegung zuständig ist, kommuniziere ich meistens per Email.
Ein paar Tage vor meinem letzten Kurs schrieb ich der Mitarbeiterin: "Darf ich bitte ausnahmsweise den Raum schon am Abend vorher herrichten? Morgens wird mir diesmal die Zeit zu knapp." Sie antwortete: "Bei mir ist gar nicht eingetragen, dass Sie am Wochenende einen Kurs haben! Und am Samstagnachmittag ist der Raum schon anderweitig belegt. Bitte melden Sie sich bald, am besten telefonisch!"
Als diese Nachricht bei mir eintraf, bekam ich einen riesigen Schreck. Die Gedanken in meinem Kopf rasten. "Wie konnte das geschehen? Habe ich vergessen, den Kurs im Rathaus anzumelden? Oder hat die Mitarbeiterin vergessen, ihn im Kalender einzutragen? So ein Schlamassel!!!! Was soll ich nun machen? Die Teilnehmerinnen haben sich schon lange auf den Kurs gefreut und ihre Reise geplant und ihre Unterkunft gebucht. Ich möchte es ihnen nicht antun, den Kurs abzusagen. Und es ist unmöglich, alle Malsachen von mir und den Teilnehmerinnen für einen halben Tag beiseite zu räumen und den Kurs zu unterbrechen. So ein Schlamassel!!!! So etwas ist uns noch nie passiert. "
Als die Nachricht mich erreichte, war ich unterwegs. Ich hatte mein Handy dabei. Ich suchte mir ein einigermaßen ruhiges Eckchen und rief die Mitarbeiterin an.
"Gut, dass Sie sich melden", sagte sie. "Gut, dass ich Sie erreiche", antwortete ich. Ich habe Ihre Nachricht mit Schrecken gelesen. So ein Schlamassel! So etwas ist uns noch nie passiert. Wir müssen unbedingt eine Lösung finden."
"Ich habe keine Ahnung, wie das gekommen ist", sagte die freundliche Mitarbeiterin. "Normalerweise trage ich alle Termine gleich ein. Vielleicht kam jemand dazwischen und ich habe es vergessen?" "Vielleicht liegt der Fehler auch an mir", sagte ich. "Ich kann es mir zwar nicht vorstellen. Aber vielleicht habe ich vergessen, den Termin bei Ihnen anzumelden?" Wir einigten uns darauf, dass keine von uns herausfinden kann, wer schuld ist. Und es war uns beiden klar: Die Schuldfrage hilft jetzt auch nicht weiter. Viel wichtiger ist es, eine Lösung für das Schlamassel zu finden, mit vereinten Kräften.
Wir überlegten hin und her. "Eine Verantwortliche vom Schwarzwaldverein hat den Raum gebucht", sagte die Mitarbeiterin. "Ich weiß nicht, wofür sie den Raum brauchen. Am besten rufe ich sie an und frage nach." "Das ist eine gute Idee", sagte ich. "Vielleicht könnten sie in einen anderen Raum ausweichen?" Die Mitarbeiterin versprach mir, mit der Verantwortlichen zu sprechen und mir dann wieder Bescheid zu geben. "Heute komme ich nicht mehr dazu", sagte sie. "Aber morgen melde ich mich, wenn ich weiter weiß."
Am nächsten Tag kam die erlösende Nachricht: "Der Schwarzwaldverein macht an diesem Tag einen großen Arbeitseinsatz. Nachmittags wollten sie eigentlich im Kursraum vespern. Aber wenn nun dieses Problem besteht, sind sie bereit, auf den Raum zu verzichten. Das Wetter ist noch verhältnismäßig gut. Notfalls vespern sie draußen. Die Verantwortliche ist sehr verständnisvoll mit dem Problem umgegangen."
Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Können Sie sich vorstellen, wie erleichtert ich war? Ich hätte die ganze Welt umarmen können. Ich war geradezu selig. Und eine Erkenntnis begann in mir zu reifen. Ich denke seither immer wieder darüber nach. Und ich versuche, Worte dafür zu finden.
Die Frage nach der Schuld lässt sich manchmal überhaupt nicht klären. Und sie hilft auch kein bisschen weiter. Viel wichtiger ist es, Lösungen zu finden, mit vereinten Kräften. Es ist so schön, wenn das gelingt! Wir erleben es leider nur selten. Woran liegt das? Könnte es sein, dass wir normalerweise viel zu sehr mit gegenseitigen Schuldzuweisungen beschäftigt sind, anstatt nach Lösungen zu suchen?
Jesus hat gesagt: "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet!" Es war sein Herzensanliegen, dass das gegenseitige Beschuldigen und Verachten und Verdammen und Bestrafen aufhört - jedenfalls bei denen, die ihm vertrauen und ihm nachfolgen. Er hat stattdessen Barmherzigkeit, Vergebung und Liebe empfohlen. Seinem Rat zu folgen macht unser Leben heller und schöner und leichter.
Seltsamerweise dachte ich bisher, dass es schwer ist, auf das Richten zu verzichten. Die Verurteilungen und Anklagen melden sich in meinen Gedanken wie von selbst. Es ist meistens schwer, ihnen nicht zu folgen. Nun habe ich jedoch erfahren, dass es auch ganz einfach sein kann. Und ich habe erfahren, wie viel Energie frei wird, wenn wir die Frage nach der Schuld beiseite lassen. Das Leben bekommt eine ganz andere Leichtigkeit.
Es ist mir wichtig, an dieser Erkenntnis dranzubleiben und weiter damit umzugehen. Und es ist mir wichtig, Ihnen und Euch davon zu erzählen. Vielleicht bringt es auch bei Euch und bei Ihnen etwas in Bewegung?
Am 1. Advent beginnt die Zeit, in der die Christenheit das Kommen von Jesus Christus feiert. In unserer Tradition gehören der Adventskranz und die Kerzen, die Weihnachtslieder und der Adventsschmuck dazu. Es sind lieb gewordene Traditionen. Jedes Jahr macht es mir Freude, unser Haus mit ein paar Kleinigkeiten zu schmücken. Es ist kein großes Ding. Es geht ganz leicht. In meinem Weihnachtskoffer gibt es Strohsterne, Engel und goldene Kugeln zuhauf. Vieles davon haben liebe Menschen uns geschenkt. Anderes haben wir selbst gebastelt, zum Teil schon vor vielen Jahren. Ich brauche es nur vom Dachboden zu holen und aufzuhängen.
Der Rat von Jesus ist auch da. Er steht in der Bibel. Ich muss ihn nicht einmal suchen. Ich weiß ihn auswendig. "Richtet nicht...". Wie wäre es, ihm einfach zu folgen, ohne Wenn und Aber? Ich möchte das in diesem Advent ausprobieren, immer wieder, Tag für Tag. Ich bin gespannt, wie es geht, und ich freue mich darauf.
Was nehmen Sie sich vor? Was nehmt ihr euch vor?
Ich wünsche allen eine schöne, gesegnete Adventszeit!
Gabriele Koenigs
Hier können Sie eine wunderschöne Arie hören: "Öffne dich mein ganzes Herze. Jesus kömmt und ziehet ein..." . Sie ist ein Teil der Bachkantate "Nun komm der Heiden Heiland". Auch in dieser Musik hören wir etwas von Seligkeit und Leichtigkeit. Viel Freude beim Anhören!
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Hier können Sie das Adventslied hören: "Wir sagen euch an den lieben Advent...", sehr schön und mitreißend gesungen von dem Quartett "Singer pur".
