
Als ich ein kleines Mädchen war, war ich einmal zu Besuch in Holland bei einer Tante, die dort lebte. Es war ausgerechnet über den Nikolaustag. Ich weiß noch, dass wir zusammen am Meer standen. Es war ein kalter, windiger Tag. Es wurde schon dunkel. Wir warteten auf ein Schiff, das den Nikolaus bringen sollte. In Holland nennen sie ihn "Sinter Klaas". Wir warteten lange. Und dann kam er endlich. Er kam auf einem großen Schiff mit mehreren Segeln. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie der Nikolaus ausgesehen hat und was er uns Kindern gebracht hat. Ich erinnere mich nur an das Gefühl der gespannten Erwartung. Und dass wir sicher waren, dass er letztendlich wirklich kommen würde. Meine Tante hatte es fest versprochen. Und auch die vielen anderen Menschen, die mit uns am Ufer standen, gingen fest davon aus. Ihre Sicherheit half, um das Warten und das Frieren auszuhalten.
Erwartung ist etwas Großes und Schönes. Erwartung gibt uns Antrieb und Tatkraft. Wir leben auf ein Fest zu, auf ein Projekt, auf einen Besuch, auf eine Reise. Wir strecken uns dorthin aus, bereiten uns vor und freuen uns schon im Vorhinein. Die Erwartung gibt dem Leben Glanz, trotz aller Mühe, die auch zum Leben gehört.
Zum christlichen Glauben gehört die Erwartung. Wir warten auf etwas, das über unser kleines Menschenleben weit hinausreicht. Wir warten darauf, dass die Mächtigen von den Thronen gestürzt werden und dass die Hungrigen endlich satt werden. Wir warten auf ein Ende von Ungerechtigkeit und Gewalt. Wir sehnen uns nach dem Ende von Kriegen und Unterdrückung. Wir warten auf den neuen Himmel und die neue Erde. Es kann nicht für immer so düster bleiben, wie es jetzt ist. So viel Egoismus, Machtgier und Zynismus. Sie scheinen immer noch zuzunehmen. Wir finden uns damit nicht ab. Wir sehnen uns nach der Erlösung der Welt. Jesus hat versprochen, dass sie kommt. Aber es gibt keinen Termin dafür. Niemand weiß mit Sicherheit, wann es so weit sein wird. Wird es morgen sein? In 2 Jahren, oder in 100 Jahren, oder erst im nächsten Jahrtausend? Es ist unmöglich, dies vorauszusagen. Es kann sein, dass die Not, die wir jetzt weltweit erleben, zu den "Wehen der Endzeit" gehören. Aber niemand weiß, wie lange diese Wehen dauern, bevor der neue Mensch geboren wird. Gott allein weiß das.
Jesus hat von den "Wehen der Endzeit" gesprochen. Nicht nur die Kriege und Naturkatastrophen gehören dazu. Vor allem ist es dieses: Die Liebe wird in vielen erkalten. Sehen wir zu, dass sie in uns nicht erkaltet! Achten wir darauf, dass das Feuer der göttlichen Liebe in unseren Herzen immer neue Nahrung bekommt, so dass es weiterhin brennen und leuchten kann. Gebete und Lieder können dabei helfen, das Nachsinnen über die Worte der Heiligen Schrift, und Begegnungen mit anderen, die glauben. Ihr Glaube hilft, um die Kälte und das Warten auszuhalten.
Die ersten Christen glaubten, dass Jesus schon sehr bald wiederkommt, um die Welt zu erlösen. Seither sind zweitausend Jahre vergangen. Geschenkte Zeit. Lebenszeit. Erlittene Zeit. So viele Generationen von Menschenkindern sind gekommen und gegangen. Unter ihnen waren immer Menschen, denen die Hoffnung auf Erlösung der Welt eine Perspektive gab, weit hinaus über ihr eigenes kleines Menschenleben. Sie haben aus dieser Hoffnung gelebt und sie bezeugt und weitergegeben. Sie haben die Hoffnung wachgehalten, auch für uns. Sie ist nicht erloschen. Auch wir dürfen aus dieser Hoffnung leben und sie weitergeben.
In den letzten Tagen habe ich intensiv an einem Kinderportrait gearbeitet. Es war so schön, in den Augen dieses Mädchens die freudige Erwartung zu sehen. Es hat mir richtig gut getan, dieses Bild vor Augen zu haben und weiterzuentwickeln. Kinder können uns Wichtiges zeigen. Qualitäten, die in unserem Erwachsenenleben mit seinem Alltag zu verschwinden drohen. Manchmal sind sie wie verschüttet. Aber auch wir kannten sie einmal, als wir Kinder waren. Erinnern wir uns daran. Lassen wir sie in uns wieder aufleben!
Ich wünsche Ihnen allen und Euch allen einen schönen 2. Advent.
Gabriele Koenigs
Hier kommt eines der schönsten zeitgenössischen Lieder, das von der Sehnsucht spricht: "Da wohnt ein Sehnen tief in uns..." Es ist kein Adventslied im eigentlichen Sinne. Und doch ist es für mich ein Lied, welches sehr gut in den Advent passt. Sie können den Text mitlesen. Und falls Sie es kennen, singen oder summen Sie es mit. Viel Freude dabei!
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Und hier kommt ein zeitgenössisches Adventslied, gedichtet von Helga Poppe, vertont von Johannes Grewelding, sehr schön gesungen von einem Ensemble aus Köln. "O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu". Im evangelischen Bereich ist es eher unbekannt. Aber es steht im Gotteslob, dem katholischen Gesangbuch. Es lohnt sich sehr, das zu hören und zu bedenken. Hier hat die freudige Erwartung Worte und eine Melodie gefunden.
