Sie singt wieder

Wie überströmst du mich mit Glück. Abstraktes Gemälde in Mischtechnik auf Leinwand von Gabriele Koenigs (2019). Privatbesitz. Als Kunstkarte erhältlich
Wie überströmst du mich mit Glück. Abstraktes Gemälde in Mischtechnik auf Leinwand von Gabriele Koenigs (2019). Privatbesitz. Als Kunstkarte erhältlich

Monika singt wieder. Sie singt leise und vorsichtig. Ihre Stimme war ziemlich eingerostet. Sie klingt immer noch ein bisschen belegt. Aber Monika  freut sich jetzt an jedem Ton, der über ihre Lippen kommt. Sie singt alleine und zusammen mit anderen. Zusammen mit anderen ist es am schönsten. 

 

Vor einigen Wochen hat sie ihre Gardinen gewaschen. Beim Aufhängen der sauberen Gardinen ist ihr plötzlich schwindelig geworden. Sie ist von dem Tritt, auf dem sie stand, heruntergestürzt. Sie ist so unglücklich aufgekommen, dass sie den Oberschenkel und mehrere  Rippen gebrochen hat, dazu auch noch ein Fußgelenk. Am ganzen Körper hatte sie Blutergüsse und Prellungen. Nach dem Sturz war es ganz schwierig mit dem Atmen und dem Sprechen. Sie hat schlecht Luft bekommen. Sie war schwach und sie hatte große Schmerzen. Singen war gar nicht möglich. Jetzt wird es allmählich besser. Sie braucht keinen Rollator mehr, und auch keine Krücken. Sie kann sogar schon wieder Treppen gehen. In der Reha hat sie viel mit den Therapeuten geübt. Langsam setzt sie Schritt vor Schritt. Immer wieder, wenn sie sich unsicher fühlt, greift sie an das Geländer. Wenn es zu anstrengend wird, bleibt sie einen Moment stehen und atmet durch. Alles geht langsamer als zuvor. Aber sie ist wieder zuhause. 

 

Sie genießt es, im eigenen Bett zu schlafen und ihre Bücher, Bilder und andere persönliche Sachen um sich zu haben. Und es ist schön, wieder ihre Nachbarn und Bekannten zu sehen. 

 

Nicht weit von ihrer Wohnung ist eine kleine Kirche. Sie geht sehr gerne dorthin. Im Advent ist dort an jedem Abend eine kurze Andacht. Auf dem Boden liegt ein großer Ring, mit Tannenzweigen umwickelt. Und 24 Kerzen sind auf dem Ring verteilt. Jeden Abend wird eine mehr angezündet. Und jeden Tag singen sie zwei Lieder. Ab und zu spielt jemand Flöte oder Gitarre. Es gibt eine Geschichte und ein Gebet und eine kurze Zeit der Stille. Es tut ihr gut, dort zu sein. So oft wie möglich nimmt sie teil. 

 

In der Stille kommen ihr manchmal Tränen. Sie hat sich daran gewöhnt. Sie geniert sich nicht mehr dafür. Vor ein paar Wochen war es noch anders. Als sie in der Reha bei einer Psychologin zum Gespräch war, waren ihr auch die Tränen gekommen, mitten im Gespräch. Sie hat sich dafür entschuldigt. Aber die Psychologin hat gesagt: "Tränen sind Ihre Freunde. Sie helfen Ihnen, den Schrecken und die Anspannung zu lösen. Sie haben ja wirklich viel durchgemacht in den letzten Wochen. Der Schrecken sitzt Ihnen noch in den Knochen. Es ist so gut, wenn die Tränen kommen. Lassen Sie sie laufen. Entschuldigen Sie sich nicht dafür. Entschuldigen Sie sich nicht für Ihre Freunde!" 

 

Diese Worte kommen ihr immer wieder ins Gedächtnis. Ihre Tränen sind weniger geworden - jetzt, wo es ihr wieder besser geht. Aber wenn jemand mitfühlend fragt, wie es ihr geht und was sie durchgemacht hat, kann es immer noch sein, dass Tränen in ihre Augen kommen. Sie versucht nicht mehr, das zu verbergen. Und sie freut sich an allen Zeichen von Anteilnahme und Verstehen, die ihr entgegenkommen. Und sie freut sich, wenn jemand sagt: "Du hast uns gefehlt!" "Schön, dass du wieder da bist!" "Kann ich dir etwas abnehmen?" Ein Freund trägt ihr die Einkäufe die Treppe hoch. Jemand hat ihr Weihnachtsgebäck gebracht. Eine Nachbarin trägt ihr den Wäschekorb in die Waschküche im Keller und bringt ihn wieder nach oben, wenn die Waschmaschine fertig ist. 

 

Jeden Abend in der Adventsandacht singen sie den Kanon: "Mache dich auf und werde licht. Mache dich auf und werde licht. Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt." Es sind gute Worte für sie, genau die richtigen. Sie kommen ihr manchmal mitten in der Nacht nochmals in den Sinn. Es kann sein, dass sie sie mitten in der Nacht leise vor sich hinsummt.  Und morgens, wenn sie den Frühstückstisch deckt, stellt sie eine CD mit Weihnachtsliedern an und entzündet die Kerzen an ihrem Adventskranz. "Tochter Zion, freue dich, denn dein König kommt zu dir!" Sie steht nicht wieder vom Tisch auf, bevor sie dieses Lied gehört und mitgesungen hat. Es gibt den Grundton für ihren Tag. 

 

Wahrscheinlich hat sie noch nie so bewusst gelebt wie jetzt. Sie weiß jetzt, dass gar nichts selbstverständlich ist. Atmen, sprechen, singen: Nichts davon ist selbstverständlich. Sich aufrichten, das Morgenlicht sehen und Musik hören. Eine Apfelsine genießen. Es ist ihr jetzt alles zum Geschenk geworden. Und es ist der Mühe wert. Sie macht die Übungen, die ihr die Therapeuten gezeigt haben. Und sie geht jeden Tag eine Runde spazieren. Sie dehnt ihre Runde immer mehr aus, setzt hier einen Schlenker hinzu und dort einen Schlenker. Ab und zu bleibt sie stehen, für ein Gespräch mit Bekannten oder Unbekannten. Oder für einen ganz bewussten Atemzug. Oder um hinzuschauen auf das Leben. Sie begrüßt das Leben, ganz neu. Und sie begrüßt Gott, der ihr jetzt so nahe kommt. Sie ist nicht mehr die Alte. Das spürt sie deutlich. Etwas in ihr wird neu. 

 

Mögen wir alle bewusster und dankbarer werden! 

Ich wünsche Ihnen allen und Euch allen einen schönen Adventssonntag und eine gute Woche! 

 

Gabriele Koenigs   

 

 

 


Hier können Sie das Lied "Tochter Zion" anhören und mitsingen, falls Sie möchten. Trauen Sie sich! Viel Freude dabei! Es ist eine schlichte Fassung für eine Stimme und Klavier. Üppigere Fassungen mit großem Orchester und Chören finden Sie selbst im Internet oder auf Ihren eigenen CDs. Nehmen Sie die Fassung, die zu Ihnen spricht.

 

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Hier finden Sie den Kanon : "Mache dich auf und werde licht". Das ist noch einfacher!