
Ich lebe nun schon seit 68 Jahren. Eigentlich müsste ich mich auskennen in dieser Welt. Ich habe so viel Lebenserfahrung gesammelt. Aber dennoch fühle ich mich oft fremd. Wie eine, die sich hierher verirrt hat. Wie eine, die ganz wenig vom Leben versteht. Wie eine, die nicht mithalten kann in den Diskussionen. Wie eine, deren Ansichten nicht in die heutige Zeit passen. Viele Ältere empfinden das ganz ähnlich. Ich bin bestimmt nicht die Einzige, der es so geht.
Immerhin kann ich in dem Land leben, dessen Sprache ich von Anfang an kenne. Ich musste nicht vor Krieg oder Verfolgung fliehen und irgendwo anders neu anfangen. Ich war frei, meinen Wohnort und meinen Beruf zu wählen. Ich musste niemals hungern. Ich hatte immer eine gute Gesundheitsversorgung. Niemand konnte mir verbieten, meine Meinung zu sagen. Wie gut habe ich es gehabt! Wie gut habe ich es auch jetzt, Tag für Tag! Andere Menschen leben unter extremen Bedingungen: auf der Flucht, in Gefängnissen, in der Psychiatrie, unter Bombenhagel, auf der Straße, in gewalttätigen Beziehungen. Es sind viele, für die das Leben extrem hart ist. Viele, die als Fremde angefeindet werden und fürchten müssen, ausgewiesen zu werden. Viele, die gar nicht richtig wissen, wohin sie gehören. Die Not ist groß, weltweit. Es kommt uns immer mehr zu Bewusstsein, wie groß sie ist. Und dass es mit ein paar Spenden zur Weihnachtszeit nicht getan ist. Ein Neuanfang ist nötig, ein radikales Umdenken, eine andere Verteilung der Besitztümer und der Schätze der Erde, ein anderer Umgang mit der Schöpfung. Werden die Generationen, die nach uns kommen, diesen Neuanfang schaffen? Und was können wir dazu beitragen, in der Lebensspanne, die uns noch bleibt? Viele Fragen treiben mich um. Und ich bin bestimmt nicht die Einzige, der es so geht.
Mitten in dieser Not feiern wir das Weihnachtsfest. Wir erinnern uns an den, der gekommen ist, um der Menschheit beizustehen. In den Kirchenliedern wird er besungen als "Retter" und "Heiland" und "Helfer". Er kam als einer von den Armen. Schon kurz nach seiner Geburt mussten seine Eltern mit ihm in die Fremde fliehen, denn König Herodes wollte ihn umbringen. Wie jedes andere Menschenkind musste er ganz vom Anfang anfangen. Sprechen lernen, laufen lernen. Herausfinden, wer er ist und was er zu sagen hat. Als er es schließlich wusste, zog er durch das Land und predigte und heilte. Mit dem, was er zu sagen hatte, eckte er überall an. Bei seiner Familie, bei den religiösen Autoritäten und den Vertretern des römischen Staates und sogar bei denen, die sich um ihn scharten und mit ihm wanderten und von ihm lernen wollten. Sie missverstanden ihn oft. Auch unter ihnen war er fremd.
"Liebt einander!" "Vergebt einander!" "Kehrt um!" "Vergeltet nicht Böses mit Bösem!" Das klingt so anders als die gängigen Parolen der Welt. Das klingt weltfremd. Das klingt naiv. Das klingt so, als sei es von gestern. Aber wie wäre es, wenn er genau das ausgesprochen hätte, was die Menschheit braucht, heute und morgen? Wie wäre es, wenn wir seine Worte nochmals ganz neu hören würden, sie beherzigen und danach leben?
Und ein Gedankenanstoß, ganz zum Schluss. Die Kirche hat gelehrt, dass Jesus aus der anderen Welt gekommen ist. Er sei der "Sohn Gottes" gewesen, der einzige. Nach seinem Tod und seiner Auferstehung sei er zurückgekehrt in jene Welt der ewigen Liebe. Wie wäre es, wenn wir jetzt radikaler denken würden? Unser eigenes Leben und unsere Mitmenschen neu sehen lernen? Auch wir kommen aus der Welt der göttlichen Liebe. Und auch wir kehren dorthin zurück, wenn unsere Zeit hier zu Ende geht. Auch wir müssen hier auf Erden lernen zu verstehen, wer wir sind und was unser Auftrag ist. Auch wir müssen begreifen lernen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Auch wir sollen die göttliche Liebe hier auf Erden verkörpern, so gut wir das können. Es ist eine große Aufgabe, für jedes von uns. Wir sind damit noch nicht fertig. Darum sind wir immer noch hier.
Es ist gut, dass wir geboren sind. Wir leben. Wir sind Menschenkinder und zugleich Gotteskinder. So wie er. Er ist einer von uns. Wir sind nicht allein. Er ist gekommen, um uns zu helfen. Gott sei Dank.
Ich wünsche euch allen und Ihnen allen einen schönen 4. Advent und ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest!
Gabriele Koenigs
Hier können Sie eine sehr schöne Motette hören: "Herr, ich warte auf dein Heil!" Sie stammt von Johann Michael Bach (1648 - 1694). Ich höre die große Sehnsucht in ihr.
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