Eine Weihnachtspredigt geht mir noch nach

Gott macht alles neu. Zweite Version. Gemälde von Gabriele Koenigs (2025). Mischtechnik auf Leinwand 50 cm x 70 cm. Als Original erhältlich
Gott macht alles neu. Zweite Version. Gemälde von Gabriele Koenigs (2025). Mischtechnik auf Leinwand 50 cm x 70 cm. Als Original erhältlich

Ich habe eine Predigt angehört, die Mariann Edgar Budde am Heiligabend in Washington gehalten hat. Erinnern Sie sich an diese mutige Bischöfin? Sie hat Donald Trump ins Gewissen geredet, im Gottesdienst am Tag nach seiner Amtseinsetzung am 21. Januar 2025. Sie hat ihn um Barmherzigkeit gebeten für Menschen, die in Amerika leben und arbeiten, aber nicht die notwendigen Papiere für eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis haben. Sie hat ihn um Barmherzigkeit gebeten für lesbische und schwule Menschen und ihre Kinder. Sie hat ihn um Barmherzigkeit gebeten für Menschen, die auf der Flucht sind vor Krieg und Verfolgung weltweit. Sie hat es nicht gefordert und nicht verlangt. Sie hat es nur gebeten, im Namen Gottes, freundlich und bescheiden und klar. Schon beim Hören der Predigt und danach hat er sein Nein zu ihrem Appell signalisiert. Er hat sogar verlangt, dass sie sich bei ihm entschuldigt. Bischöfin Budde hat dies nicht getan. Und sie predigt weiter. Das ist ihre Aufgabe. Sie trägt eine große Verantwortung. Viele achten sie und hören auf sie. Sie hat wirklich etwas zu sagen. Und natürlich geht sie, wie viele Menschen, mit der Frage um: Wie kann Gott so etwas zulassen? Wie kann es sein, dass ein Tyrann so viel Unheil anrichtet, und bisher niemand die Kraft hat, ihn zu stoppen?

 

In ihrer Heiligabendpredigt hat sie einen sehr ungewöhnlichen Gedanken formuliert. Sie hat davon erzählt, dass sie einem Schauspieler begegnet ist, der Improvisationstheater macht. Improvisationstheater ist ganz anders als "normales" Theater. In einem normalen Theaterstück ist alles sehr gut durchgeprobt. Jeder Schritt, jedes Wort, jede Geste, jede Einstellung der Beleuchtung ist ausgetüftelt, im Zusammenspiel von Schauspielern und Regie und Bühnentechnik. Es ist eine große, sorgfältige Vorbereitungsarbeit, die dahintersteckt, bis die Aufführung zustande kommt. Im Improvisationstheater ist es anders. Die Schauspieler stehen auf der Bühne und wissen gar nicht, was kommt. Jemand gibt ihnen ein Stichwort, und dann müssen sie etwas daraus machen. Sie reagieren auf das Stichwort, auf ihre eigenen Einfälle und auf das, was die anderen auf der Bühne machen. Es entwickelt sich etwas Überraschendes, Einzigartiges, Unwiederholbares daraus. Mariann Budde sagte: Vielleicht können wir die Weltgeschichte so verstehen? 

 

Immerzu passiert etwas, das nicht geplant ist. Keiner hat es vorhergesehen. Nicht einmal Gott. Es passiert Schönes und Schreckliches, Heiteres und Trauriges. Und jeder muss seine Entscheidungen treffen. Nicht jeder kann auf alles reagieren. Nicht jeder kann sich über alles informieren. Jede und jeder muss sich fragen: Reagiere ich darauf, und wie tue ich es? Ignoriere ich es und überlasse anderen die Reaktion? Warte ich ab? Was fällt mir ein? Mit wem verbünde ich mich? Wen will ich unterstützen? Wo kann ich mich einbringen? Was ist meine Aufgabe? Gott, was willst du jetzt von mir? Auch Gott muss seine Entscheidungen treffen, in jedem Augenblick. Er hat die Weltgeschichte mit uns nicht vorher geprobt. Nicht alle Menschen handeln nach seinen Anweisungen. Manche verhärten ihr Herz komplett. Manche verschreiben sich dem Bösen. Manche haben nur ihren eigenen Vorteil und ihren eigenen Reichtum im Sinn. Wie kann Gutes daraus werden? Kann jemals Gutes daraus werden? Wie kommt die Geschichte an ihr Ziel? 

 

Mariann Budde hat in ihrer Predigt das Glaubensbekenntnis zitiert, das Dietrich Bonhoeffer im Jahr 1943 formuliert hat. Das war das Jahr, in dem er wegen seiner Mitarbeit im Widerstand gegen Hitler verhaftet wurde. Er hat geschrieben: 

 

"Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

 

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

 

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

 

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet."  (Dietrich Bonhoeffer 1943) 

 

Ich werde weiter mit diesen Gedanken umgehen. Sie sind ungewohnt, auch für mich. Aber ich spüre, dass viel Wahres darinnen ist. Es leuchtet mir viel mehr ein als die Vorstellung von Gott als einem großen Marionettenspieler, der alles in der Hand hat und alles vorgeplant hat und im richtigen Moment an den entsprechenden Fäden zieht. Vielleicht mögen Sie auch darüber nachdenken? Und falls Sie mögen, können Sie sich die Predigt von Mariann Budde selbst anhören. Sie ist zwar auf englisch. Aber ihr Englisch ist gut zu verstehen. Und diese Predigt ist wirklich eine der besten, die ich je gehört habe. 

 

Ganz herzliche Grüße und die allerbesten Wünsche für Sie und für euch! 

Gabriele Koenigs  

 

 

 


Hier können Sie die bemerkenswerte Weihnachtspredigt von Mariann Budde anhören. 

 

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Hier können Sie eine sehr schöne Vertonung von Bonhoeffers Gedicht: "Von guten Mächten wunderbar geborgen..." gehören. Es ist nicht die bei vielen bekannte Vertonung von Siegfried Fietz, sondern eine Komposition von Otto Abel. Im evangelischen Gesangbuch finden Sie beide Vertonungen. Viel Freude beim Anhören und Mitsingen! 

 

 

Und hier finden Sie ein Lied der amerikanischen Liedermacherin Lea Morris zum Neuen Jahr. Viele aufrichtige und tröstliche Sätze sind darinnen. Sie können den Text mitlesen, das macht das Verstehen leichter.