
Am Lagerfeuer sitzen und singen: Das gehört zu den schönsten Erinnerungen aus meiner Jugendzeit. Unsere Familie hatte damals eine Parzelle auf einem Campingplatz gepachtet. In der warmen Jahreszeit waren wir an jedem Wochenende und in den Ferien dort. Ich genoss das Schwimmen im Baggersee und das ungezwungene Leben auf dem Zeltplatz. Am schönsten war es, dass auch andere Jugendliche mit ihren Familien regelmäßig kamen. Es entstand eine Clique. Wir trafen uns mit Vorliebe in der Abenddämmerung außerhalb des Zeltplatzes, dort, wo wir unbeobachtet waren. Am schönsten war es am Rhein. Es gab dort Feuerstellen, die wir nutzen konnten. Wir fanden immer genug Treibholz für unser Feuer. Alle halfen beim Sammeln. Wir teilten, was wir zu essen und zu trinken hatten. Und wir sangen unsere Lieder. Meistens war jemand dabei, der Gitarre spielen konnte. Manchmal hatte jemand eine Trommel oder eine Mundharmonika dabei. Es war herrlich, das ganze Liedrepertoire durchzusingen, solange wir noch munter waren. Wenn wir müde wurden, wurden wir stiller. Wir schauten den knisternden Flammen zu, dem Funkenflug und der Glut. Wir schmiegten uns aneinander und träumten. Wir erzählten einander von unseren Träumen und Nöten. Wir träumten davon, erwachsen zu sein und frei.
Manchmal kamen Leute dazu, die wir nicht kannten. Sie hatten unseren Feuerschein gesehen und fragten, ob sie sich eine Weile zu uns setzen könnten. Wir waren offen dafür. Es war immer spannend, neue Leute kennenzulernen. Ab und zu kamen Studenten aus Heidelberg in unsere Runde. Einmal brachten sie einen dunkelhäutigen amerikanischen Soldaten mit. Er war in einer Kaserne bei Heidelberg stationiert und hatte sich mit diesen Studenten angefreundet. Er erzählte uns vom Vietnamkrieg. Und er erzählte uns vom Kampf der Schwarzen in Amerika um die vollen Bürgerrechte. Wenn wir ihn nicht verstanden, übersetzten die Studenten und erklärten, was wir nicht wussten. Er brachte uns das Lied "We shall overcome" bei. Wir mochten es sofort und lernten es schnell. "Eines Tages wir in Frieden leben. Wir werden keine Angst voreinander haben. Wir werden Hand in Hand gehen. Schwarze und Weiße miteinander. Die Wahrheit wird uns frei machen. Wir werden die Schwierigkeiten und Nöte überstehen und überwinden." Das war es, von dem wir träumten. Und wir waren uns bewusst: Viele träumen diesen Traum. Wir lassen uns diesen Traum nicht ausreden. Wir sind verbunden mit Menschen in der ganzen Welt, die dieses Lied zu ihrer Hymne gemacht haben. Fortan gehörte das Lied zu jedem unserer Lagerfeuer dazu.
Nach dem Abitur verdiente ich mir zuerst ein bisschen Geld. Danach reiste ich nach England. Ich nahm an einem internationalen Friedensdienst teil. Junge Leute aus aller Welt waren gekommen, um etwas für den Frieden zu tun. Wir arbeiteten in einem sehr armen Stadtviertel in Nordengland. Wir renovierten Wohnungen und spielten mit den Kindern auf einem großen Spielplatz. Wir wohnten alle zusammen in einer Turnhalle. Es war eine wunderbare Zeit. Und auch dort kannten alle das Lied. Holländer, Italiener, Franzosen, Deutsche, Engländer: Dieses Lied verband uns alle. Ein Wochenende während dem Arbeitseinsatz hatten wir frei. Wir durften an die Nordsee fahren. Auch dort entzündeten wir natürlich ein Lagerfeuer. Auch dort sangen wir unser Lied.
Das Lied ist bis heute eines meiner Lieblingslieder. Es hält die Hoffnung wach, allen schlimmen Nachrichten zum Trotz.
Herzliche Grüße
Gabriele Koenigs
Hier können Sie Joan Baez hören. Sie singt das Lied "We shall overcome". Und Sie können mitsingen. Genießen Sie das! Es ist eine Aufnahme aus dem Jahr 1965.
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Hier können Sie Martin Luther King hören. In einer sehr letzten Reden, 4 Tage vor seinem Tod, zitiert er das Lied "We shall overcome". Er redet auch davon, dass Amerika groß wird. Aber er meint es in dem Sinne, dass Amerika groß wird durch die Liebe zu Frieden und Gerechtigkeit. So bewegend zu hören!
