
Als Maria fünfzig Jahre alt war, wurde sie krank. Sie war vollkommen erschöpft. Ihr ältester Sohn war psychisch erkrankt. Das brachte sie an ihre Grenzen. Sie war Lehrerin. Den Belastungen dieses Berufs war sie nun nicht mehr gewachsen. In einer psychosomatischen Klinik suchte sie Hilfe. In den therapeutischen Gesprächen kamen sehr belastende Erinnerungen aus ihrer Kindheit zutage.
Maria war damals 12 Jahre alt und besuchte die sechste Klasse im Gymnasium. Eines Tages rief die Direktorin sie aus dem Unterricht und sagte: "Du musst ins Krankenhaus zu deiner Mutter, schnell! Eine Lehrerin bringt dich mit dem Auto dorthin!" Maria war nicht darauf vorbereitet, was dann geschah. Sie betrat das Krankenzimmer, in dem ihre Mutter lag. Sie war an Monitore angeschlossen. Sie lag vollkommen still und reglos im Bett. Sie war bereits klinisch tot. Das hatte ihr aber niemand gesagt. Maria traute sich nicht, sie zu berühren. Sie war mit dieser Situation völlig überfordert. Nach einer Weile kam eine Krankenschwester und sagte ihr, sie solle im Flur draußen warten. Wie sehr hätte sie jemanden gebraucht, der mit ihr spricht! Jemanden, der ein gutes Wort für sie hat und ihre Fragen beantwortet! Keiner nahm sich des armen Mädchens an. Mutterseelenallein saß sie im Flur.
Maria wartete auf ihren großen Bruder. Ihr Vater war schon vier Jahre vorher gestorben. Ihr großer Bruder Ludwig war ihr einziger naher Verwandter. Er war gerade volljährig geworden und lebte noch zuhause. Er bereitete sich auf die Fachhochschulprüfung vor und wollte Elektroingenieur werden. Er war sehr verantwortungsbewusst. Maria hing an ihm und vertraute ihm. Als er schließlich kam, ging er auch eine Weile in das Krankenzimmer. Als er herauskam, sagte er ihr, dass die Mutter gestorben ist. Maria war verzweifelt. "Was soll nun aus uns werden", fragte sie ihren Bruder.
"Das Leben muss weitergehen", sagte er zu seiner kleinen Schwester. "Und wir bleiben zusammen!"
Maria biss die Zähne zusammen. Sie musste tapfer sein. Am nächsten Tag ging sie wieder zur Schule. Keiner von den Lehrern sprach sie auf den Tod ihrer Mutter an. Nur ihren Schulfreundinnen konnte sie sich anvertrauen. Wie sehr hätte sie es gebraucht, dass jemand sie tröstet!
Maria wollte auf keinen Fall in ein Kinderheim kommen. Sie wollte auf jeden Fall im Gymnasium bleiben. Sie war eine begabte und fleißige Schülerin. Sie strengte sich weiterhin an. Die beiden Geschwister wirtschafteten daheim, so gut sie konnten. Sie lebten von der kleinen Waisenrente. Sie drehten jeden Pfennig dreimal um. Ludwig durfte an den Wochentagen in der Kantine der Stadtwerke gratis Mittag essen und seine kleine Schwester dazu mitbringen.
Maria und Ludwig waren eng mit ihrer katholischen Kirchengemeinde verbunden. Regelmäßig besuchten sie den Gottesdienst. In der Gemeinde gab es einen Frauenkreis. Von diesen Frauen kam ab und zu eine, um Wäsche zu bügeln oder zu putzen. Manchmal wurden die Geschwister sonntags zum Essen eingeladen. Einmal durfte Maria mit einer Familie in den Urlaub fahren, als zusätzliches Ferienkind. Für jede Zuwendung war sie unendlich dankbar. Sie sehnte sich immer nach mütterlichen Personen.
Eine Lehrerin, die ledig war und keine Kinder hatte, lud Maria hin und wieder zu sich ein. Im Lauf der Zeit entstand eine enge Bindung zwischen den beiden. Wenn Maria zu ihr kam, nahm die Lehrerin sie liebevoll in den Arm. Wie gut tat ihr das! Aber auch diese Lehrerin sprach nicht mit ihr über den Tod ihrer Mutter. Ein Schweigen hatte sich über diese Ereignisse gelegt. Marias Tränen blieben ungeweint. Sie musste einfach stark sein.
Erst in der Therapie, viele Jahre später, konnte sie ihre Trauer anschauen und nochmals durchleben.
Maria hat die Schule mit sehr guten Zeugnissen abgeschlossen. Danach studierte sie und wurde Lehrerin für Religion und Deutsch. Ihre erste Stelle war in einer katholischen Schule, die von der Ordensgemeinschaft der Ursulinen geführt wurde. Bis heute ist sie freundschaftlich mit diesen Ordensschwestern verbunden. Aus dem Glauben kommt ihr Halt. Sie ist froh über die Gemeinschaft mit Menschen, die mit ihr den Glauben teilen. Jedes Jahr kehrt sie zu Rüstzeiten in das Kloster zurück. Und sie lädt ein paar Schwestern, mit denen sie besonders verbunden ist, auch zu sich nach Hause ein.
Maria hatte große Ängste, sich an einen Partner zu binden und eine Familie zu gründen. Was wäre, wenn der Partner sterben würde? Wie könnte sie noch einmal so einen Verlust überleben? Aber nun lebt sie mit Bernd, ihrem geliebten Ehemann. Er ist der ruhende Pol in ihrem Leben und unterstützt sie bedingungslos. Er ist Gottes Geschenk für sie. Mit ihm zusammen hat sie zwei Kinder bekommen und aufgezogen.
Marias Eltern waren sehr isoliert und vereinsamt. Maria ist es nicht. Sie hat schon früh erkannt, dass sie Beziehungen braucht. Sie pflegt viele Kontakte und Freundschaften. Und sie engagiert sich an vielen Stellen. Sie ist inzwischen im Ruhestand. Aber sie ist immer noch sehr aktiv. Sie arbeitet im Weltladen mit. Insbesondere übernimmt sie Einsätze in Schulen, um Kinder und Jugendliche für die Idee des gerechten Handels zu gewinnen. Sie fördert Entwicklungshilfeprojekte in Tansania und singt im Chor ihrer Kirchengemeinde. Sie hat ein Auge und ein offenes Herz für die Not. Und sie kann sich von Herzen freuen.
Ihren 60. Geburtstag hat sie ganz groß gefeiert. Von nah und fern kamen ihre Freundinnen und Freunde zum Fest. Ihr Mann hat ihr zu diesem Anlass ein Bild von mir geschenkt. Er hat alles heimlich mit mir abgemacht. Er wusste, dass Maria einen Ausflug mit ihren Freundinnen geplant hatte. Zusammen kamen sie in meine Ausstellung. Dort durfte ich ihr das Bild überreichen, das ihr Mann für sie ausgesucht hat. Maria hat wilde Luftsprünge gemacht, vor lauter Freude. Das werde ich nie vergessen. Selten habe ich einen Menschen gesehen, der sich so freuen kann wie sie. Trotz allem. Oder vielleicht sogar gerade deshalb?
Herzliche Grüße!
Gabriele Koenigs
P.S: Ich überlege, ob ich dieses neue Bild als Karte drucken lassen soll. Können Sie sich vorstellen, dass Sie eine solche Karte brauchen könnten? Eignet sie sich z.B. als Kondolenzkarte? Oder als Gruß an einen Kranken? Und wie ist der Bildtitel dazu passend? Ich bin sehr gespannt auf Ihre und Eure Rückmeldungen zu diesen Fragen.
Hier kommt eines der Lieblingslieder von Maria. Es ist ein Lied aus Taizé:
"Bei Gott bin ich geborgen,
still wie ein Kind.
Bei ihm ist Trost und Heil.
Ja, hin zu Gott verzehrt sich meine Seele,
kehrt in Frieden ein."
Viel Freude beim Anhören und Mitsingen!
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Und hier kommt ein Gospel. "Sometimes I feel like a motherless child..." (übersetzt: Manchmal fühle ich mich wie ein Kind ohne Mutter, weit weg von zuhause... ).
Dahinter steht die millionenfache Erfahrung von schwarzen Kindern, die von ihren Eltern getrennt und als Sklaven verkauft wurden.
Sometimes I feel like a motherless child,
Sometimes I feel like a motherless child,
A long way from home, a long way from home.
Sometimes I feel like I'm almost done,
Sometimes I feel like I'm almost done,
And a long, long way from home, a long way from home.
True believer,
A long, long way from home,
A long, long way from home.
Maria erinnert sich daran, dass ihr großer Bruder dieses Lied sehr oft angehört hat. Offensichtlich tat es ihm gut, dass sein Schmerz in diesem Lied ausgedrückt wurde. Hier hören Sie Odetta, die großartige Gospelsängerin aus Amerika.
