
Eine Frau hat mir einen besonderen Auftrag gegeben. Ihr Mann ist vor einigen Monaten verstorben. Bis dahin war er gesund und aktiv. Plötzlich bekam er eine seltene Virusinfektion, die ganz schnell zum Sterben führt. Er lag im Krankenhaus. Sie konnten nichts mehr für ihn tun, außer ihn gut zu umsorgen und die Schmerzen zu lindern. Seine Frau und sein Sohn waren täglich bei ihm. Sie umgaben ihn mit ihrer Liebe. Das war wichtig für alle drei.
Sie wollte ihren Mann in seiner Schwäche nicht fotografieren. Das erschien ihr unangemessen. Aber ein Foto hat sie doch gemacht. Auf dem Foto sieht man Vater und Sohn von hinten. Der Sohn ist ein starker, muskulöser junger Mann. Er sitzt auf der Bettkante. Neben ihm sitzt sein Vater. Er hat keine Kraft mehr, um aufrecht zu sitzen. Er lehnt seinen Kopf an die Schulter seines Sohnes. Dieser hat seinen starken Arm behutsam um den Rücken seines Vaters gelegt. Er stützt ihn und gibt ihm Halt, ganz fürsorglich. "Mach du ein Gemälde aus diesem Foto", bat sie mich. "Ich gebe dir freie Hand!" Ich war berührt von diesem Foto und ihrem Vertrauen. Wir vereinbarten, dass es ein Ölgemälde werden soll. Und wir vereinbarten die Größe und den Preis. Bald machte ich mich ans Werk.
Anfangs erzählte ich ihr immer wieder von meinen künstlerischen Ideen. Sie waren ihr fremd. Sie lehnte sie ab. Ich akzeptierte das. Aber eines Tages kam mir eine Idee, die mir einfach überzeugend erschien. Auf dem Foto sitzen die beiden vor einem großen Krankenhausfenster. Sie schauen hinaus. Draußen sieht man Hochhäuser. Das hat gar nichts Ästhetisches und nichts Tröstliches. Meine Idee war es, stattdessen einen schönen Himmel mit Wolken in das Fenster zu malen. Denn der Himmel ist das Symbol für Transzendenz. Und die Wolken sind ein Symbol für die Vergänglichkeit und Veränderung und Freiheit. Ich fragte sie: "Bist du einverstanden, dass ich einen Wolkenhimmel in das Fenster male anstatt den Blick auf die Hochhäuser?" Sie sagte: "Nein, keinen Himmel mit Wolken. Höchstens einen kleinen blauen Streifen über den Hochhäusern!"
Ich war enttäuscht, dass ihr meine Idee nicht zusagte. Ich sprach mit meinem Mann darüber. Er sagte: "Es ist nicht gut, wenn du sie immer wieder um Erlaubnis fragst. Du bist doch die Künstlerin. Mach das Bild so, wie es dir richtig erscheint. Zeig es ihr erst, wenn es fertig ist." Ich fühlte, dass er recht hat. Ich schlief eine Nacht darüber. Am nächsten Morgen schrieb ich der Kundin: "Es tut mir leid, dass ich dich um Erlaubnis gefragt habe. Das war ein Fehler. Ich muss das Bild so machen, wie es meiner ästhetischen Empfindung und meinem künstlerischen Wissen und der Empfindung meines Herzens entspricht. Ich habe den Himmel schon gemalt, und es fühlt sich so gut an, wenn ich das Bild jetzt sehe. Ich lasse ihn vorerst stehen. Wenn das Bild fertig ist, zeige ich es dir. Und wenn es dir nicht zusagt, kann ich es immer noch verändern."
Bald schrieb sie zurück. "Anfangs habe ich dir ja gesagt, dass du freie Hand hast. Dann hast du trotzdem immer wieder gefragt, ob mir etwas recht ist. Nun muss ich mich wieder umstellen. Im Grunde geht es mir ja wirklich nicht darum, dass das Foto haargenau im Gemälde nachgebildet ist. Es geht mir um die Transformation meiner Erinnerungen. Mach es so, wie es dir gut erscheint. Ich gebe dir noch einmal freie Hand."
Ich war unglaublich erleichtert und froh. Nicht nur wegen der künstlerischen Freiheit. Mehr noch wegen der Aufrichtigkeit, die sich zwischen uns eingestellt hat. Aufrichtigkeit ist für mich eine hohe Tugend. Manchmal bin ich zu schüchtern oder zu höflich, um meine Überzeugungen auszudrücken. Ich möchte niemanden kränken oder enttäuschen. Darum schlucke ich hinunter, was ich selbst denke und empfinde. Aufrichtigkeit ist besser. Sie gehört zu einem Verhältnis zwischen erwachsenen Menschen auf Augenhöhe. Sie gehört zu reifen Menschen.
Inzwischen ist das Bild beinahe fertig. Wir hatten uns verabredet, dass sie mich besucht und das Bild anschaut. Sie ist sowieso in diesen Tagen in der Nähe, so dass es ohne großen Aufwand für sie gehen könnte. Aber nun schrieb sie mir: "Ich möchte lieber noch nicht kommen. Ich ertrage es noch nicht, das Bild zu sehen. Die Erinnerung ist mir noch zu schmerzlich. Ich weiß, dass du es gerne zeigen möchtest, weil es dich auch berührt. Aber verschieben wir unsere Begegnung noch eine Weile!" Da war sie wieder, die Aufrichtigkeit! Ich war froh, dass sie mir so aufrichtig geantwortet hat. Ich kann ihren Wunsch vollkommen akzeptieren. Der Besuch kann warten, bis sie sich dazu in der Lage fühlt.
Aufrichtigkeit ist eine hohe Tugend. Und sie ist selten geworden. In unserer Zeit gibt es so viel Lüge und Verdrehung der Wahrheit und Halbwahrheiten. Die Politiker machen uns das vor. Oft wissen wir nicht, woran wir mit jemandem sind. Noch weniger wissen wir, ob wir einer Nachricht trauen können oder nicht. Selbst Fotos oder Videos sind oft durch künstliche Intelligenz gefälscht. Umso wichtiger wird es mir, aufrichtig zu sein. Meine Aufrichtigkeit erschafft einen Freiraum, der es anderen ermöglicht, auch aufrichtig zu sein. Und die Aufrichtigkeit von anderen ermöglicht es mir, ihre Entscheidungen nachzuvollziehen und anzunehmen. Wenn wir aufrichtig zueinander sind, schenken wir einander etwas Kostbares. Vertrauen entsteht und wächst. Vertrauen wird vertieft. Welch ein Geschenk!
Bisher möchte meine Auftraggeberin nicht, dass das Bild in der Öffentlichkeit gezeigt wird. Natürlich respektiere ich ihren Wunsch. Stattdessen zeige ich heute ein Bild, das in den letzten Tagen entstanden ist, voller Vorfreude auf die Ausstellung in Baden-Baden. Es wird sogar auf dem Ausstellungsplakat zu sehen sein.
Herzliche Grüße und die allerbesten Wünsche für Sie und für euch!
Gabriele Koenigs
Hier können Sie ein schönes altes Kirchenlied hören: "O komm, du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein..." Sie finden das Lied im evangelischen Gesangbuch. Der Text stammt aus dem 19. Jahrhundert. Und er klingt erstaunlich aktuell. Sie finden darin solche Sätze wie "Unglaub und Torheit brüsten sich stärker jetzt denn je..." Viel Freude beim Anhören und Mitsingen!
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Und hier kommt ein gesungener Friedenswunsch, ganz schlicht vertont von Helge Burggrabe.
Friede sei mit dir.
Friede sei mit mir.
Mögen alle Wesen im Frieden sein.
Ein Ohrwurm!
