standhaft

standhaft. Aquarell von Gabriele Koenigs (2020). Als Original und als Kunstkarte erhältlich
standhaft. Aquarell von Gabriele Koenigs (2020). Als Original und als Kunstkarte erhältlich

Diese alte Eiche steht in einem felsigen Gebiet, oberhalb der Stadt Baden-Baden, in der Nähe des Alten Schlosses. Als ich sie im Jahr 2020 gemalt habe, trug sie noch den dicken untersten Ast. Er war damals schon hohl. Inzwischen ist er abgebrochen. Er ist nicht der erste Ast, der abgebrochen ist. Die Eiche hat im Lauf ihres Lebens viele Wunden davongetragen. Aber sie wächst weiter. Jedes Frühjahr bringt sie frisches Laub hervor. Jeden Herbst schenkt sie der Welt Tausende von Eicheln. Sie hält den Boden mit ihren Wurzeln fest. Sie reinigt die Luft. Sie sorgt dafür, dass das Leben weitergeht. Sie tut es, ohne Aufhebens um sich zu machen. Sie tut ihren Dienst still und beständig. Sie hält den Stürmen stand. Sie ist schon mehr als 630 Jahre alt. 

 

Hat jemand mit Absicht sie auf einen Felsen gepflanzt? Oder ist sie aus einer Eichel entstanden, die an diesen Platz gefallen ist und Wurzeln geschlagen hat? Wir können das nicht herausfinden. Es ist auch nicht wichtig. 

 

Der Schriftsteller Jean Giono hat eine besondere Kurzgeschichte  geschrieben. Der Titel heißt: "Der Mann, der Bäume pflanzte". Er erzählt darin von einem Hirten, der in eine Gegend in Frankreich kam, die so unwirtlich war, dass niemand mehr dort leben konnte. Alle Dörfer waren verlassen, die Brunnen waren versiegt. Er hat sich ein altes verlassenes Haus hergerichtet. Und er hat sich vorgenommen, etwas dafür zu tun, dass Leben in diese Gegend zurückkehrt. Auf seinen Wegen sammelte er Eicheln. In seiner Jackentasche brachte er sie in seine Hütte. Abends sortierte er die Eicheln. Aufgeplatzte, schwache Eicheln sortierte er aus. Jeden Abend machte er ein Häufchen von 100 guten, starken Eicheln bereit. Am nächsten Tag pflanzte er die Eicheln. Mit seinem Hirtenstab machte er ein Loch in die Erde, legte die Eichel hinein und deckte sie mit Erde zu. Niemand hat ihm einen Auftrag dafür gegeben, geschweige denn ein Honorar.  Er hat einfach beschlossen, das zu tun. Tausende  von den Eicheln keimten und wuchsen hervor. Nach wenigen Jahren waren sie dem Hirten schon über den Kopf gewachsen. Und er fing an, mit Bucheckern und Birkensamen zu experimentieren. Er entfernte sich beim Pflanzen immer weiter von seiner Hütte. Die Hütte stand inzwischen schon in einem wunderschönen Mischwald. Der Wald wurde immer größer. 

 

Ein junger Wanderer kam zufällig bei diesem Hirten vorbei. Er unterhielt sich mit ihm und übernachtete eine Nacht in seiner Hütte. Er war beeindruckt von dem alten Hirten und seinem Plan. Einen Tag hat er ihn begleitet. Kurz danach wurde er zum Kriegsdienst im 1. Weltkrieg eingezogen. Als er endlich das Gebiet wieder besuchen konnte, in dem der alte Hirte lebte, war es schon ganz verändert. Vogelstimmen waren zu hören. Eichhörnchen kletterten auf den Bäumen. Quellen sprudelten. Ein paar Familien waren zurückgekehrt und hatten ihre Häuser wieder instand gesetzt. Man konnte wieder dort leben. Im Lauf seines Lebens kehrte der Wanderer immer wieder in diese Gegend in der Provence zurück. Es war eine blühende Landschaft dort entstanden, ein guter Lebensraum für Mensch und Tier. Die Forstbehörden stellten den Wald unter Landschaftsschutz. Sie betrachteten es als Wunder, dass eine solch wunderschöne Landschaft entstanden war. Sie wussten nichts von der Zähigkeit und Geduld des Hirten. Er hat kein Aufhebens von sich gemacht. Er tat seinen Dienst still und beständig. Während andere Krieg führten, widmete er sich den Bäumen. Die Folgen seiner Taten reichen weit hinaus über seine eigene Lebenszeit. 

 

Jean Giono hat diese Geschichte im Jahr 1953 geschrieben. Er wollte die Menschen mit seiner  Liebe zu den Bäumen und dem Bäume pflanzen anstecken. Und er setzte einen Kontrapunkt zu dem Streben nach schnellem Erfolg und nach Aufmerksamkeit und öffentlicher Anerkennung.  Vieles von dem, was ein Mensch tut, trägt seine Früchte erst nach langer Zeit. Möglicherweise kann er selbst seine Früchte gar nicht ernten. Seine Taten kommen denen zugute, die nach ihm kommen. Es ist menschliche Größe, an die Nachkommenden zu denken und für sie zu sorgen. 

 

In den Schreckenszeiten, in denen wir leben, ist es wichtig, Gutes zu tun, beharrlich und unbeirrbar. Trotz den schrecklichen Kriegen. Trotz allem Hass und aller Hetze. Es wird Früchte tragen. Vertrauen wir darauf. 

 

Alles Liebe und Gute für euch und für Sie! 

Gabriele Koenigs 

 


Die alte Eiche ist ein wichtiger Teil meines Ausstellungsplakats. Vor ein paar Tagen erhielt ich die schöne Nachricht aus Baden-Baden, dass diese Plakate zwanzig Tage lang an den Litfasssäulen der Stadt hängen werden. Und sie werden groß sein! Das ist ein neuer Meilenstein für mich. Ich freue mich.  


Hier kommt nochmals ein Lied von Michael Stillwater. Ein Gebet für das Universum, für die Einheit der Menschheit und Frieden. Es ist eine Tonaufnahme aus einem Singabend. 

Bleiben wir dran, zu singen und zu beten! Beständig und treu.  Auch das ist ein stiller Dienst für die Menschheit. 

 

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Hier können Sie die Geschichte von Jean Giono anhören, in voller Länge. Viel Freude dabei! 

 

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