Schau mal!

Meine Seele öffnet sich. Aquarell von Gabriele Koenigs (2026). Im Passepartout für Bilderrahmengröße 50 cm x 40 cm. Als Original erhältlich
Meine Seele öffnet sich. Aquarell von Gabriele Koenigs (2026). Im Passepartout für Bilderrahmengröße 50 cm x 40 cm. Als Original erhältlich

 

Annerose hat sich einen großen Traum erfüllt. Sie ist zu einer langen Wanderung aufgebrochen. Sie geht zu Fuß über die Alpen. Eine Freundin geht mit ihr. Sie gehen mit leichtem Gepäck. Nur das Nötigste tragen sie auf dem Rücken. Der Rest wird von Herberge zu Herberge transportiert. Ihre Freundin hat das alles mit dem Reisebüro vorab organisiert. 

 

Annerose genießt jeden Augenblick dieser Wanderung. Die anstrengenden Aufstiege und Abstiege, das Verweilen auf den Höhen und den weiten Blick über die Täler und Höhen. Aufbrechen in der Frische des Morgens und abends müde ins Bett fallen und tief schlafen. Vogelstimmen hören, den Wind in den Bäumen und das Plätschern der Bäche. Aus den Quellen trinken. Picknicken. Den Wolken zusehen, die über den Himmel ziehen. Manchmal weisen sie einander auf etwas Schönes hin. "Schau mal“, sagen sie, und zeigen mit ihrem Finger in die Richtung dessen, was sehenswert ist. Annerose findet immer wieder Steine in Herzform. Oder sie sieht Wolken, die die Form eines Herzens bilden. Wie gerne zeigt sie diese ihrer Freundin! Überall findet sie Hinweise auf die Liebe. Und sie spürt die Liebe auch in sich selbst. Ihr ganzes Wesen ist davon durchdrungen. 

 

Sie arbeitet in einer Arztpraxis. Sie ist die älteste und erfahrenste Mitarbeiterin der beiden Ärzte, die dort tätig sind. Sie arbeitet hauptsächlich an der Rezeption. Sie begrüßt die Patientinnen und Patienten und vergibt die Termine. Sie vermittelt Facharzttermine und stellt Rezepte aus. Jedem, der geht, gibt sie nicht nur ein Rezept mit, sondern auch ein gutes Wort. Viele Patientinnen und Patienten kennt sie schon lange. 

 

Sie hat inzwischen das Rentenalter erreicht. Aber sie wird noch eine Weile weiterarbeiten. In der Praxis können sie sich noch nicht vorstellen, ohne sie auszukommen. Ihr macht die Arbeit weiterhin Freude. Und sie möchte vollends die Schulden abtragen, mit denen ihr Haus noch belastet ist. Sie möchte ihren Nachkommen keine Schulden hinterlassen. "Solange ich kann, arbeite ich weiter", hat sie beschlossen. Aber sie hat ihre wöchentliche Arbeitszeit reduziert. Und ab und zu leistet sie sich jetzt etwas, was ihrer Seele gut tut und ihr Lebensfreude gibt und neue Kräfte. Diese Wanderung zum Beispiel. Ein paar Tage frei sein von Verantwortung, von Telefon und Computer. Frische Luft atmen, die Stille genießen, alles Mögliche in den Gedanken bewegen, das tut ihr einfach nur gut. 



In den letzten Jahren hat sie drei junge Frauen ausgebildet. Die erste kam direkt nach der Schule zur Ausbildung in die Arztpraxis. Schüchtern und ängstlich,  aber lernwillig und geschickt. Annerose hat ihr alles Notwendige beigebracht. Wie oft hat sie ihr etwas gezeigt und erklärt. "Schau mal, wie man das macht!" Eine von ihren Auszubildenden kommt aus Afghanistan. Sie kam mit ihren Eltern als Flüchtling nach Deutschland. Sie konnte nur wenig deutsch, als sie kam. Annerose zeigt ihr alles mit Geduld und erklärt ihr die Worte, die sie nicht versteht. Sie freut sich an ihrem Lerneifer und an jedem kleinen Fortschritt, den sie sehen kann. Auch diese junge Frau ist inzwischen ein wichtiges Mitglied des Teams geworden. Ihre erste Auszubildende kann inzwischen hinstehen und Verantwortung übernehmen. In mancher Hinsicht ist sie Annerose sogar überlegen. Der Umgang mit den Computerprogrammen fällt der Jüngeren viel leichter. Wenn es Probleme in diesem Bereich gibt, übernimmt sie die Regie. Wenn Annerose eines Tages aus der Praxis ausscheiden wird, wird wahrscheinlich ihre ehemalige Auszubildende ihren Platz übernehmen. Es tut ihr gut, das zu wissen. 



Ihre Kinder haben sich zu jungen Erwachsenen entwickelt, die ihren Weg gehen und einfühlsam und hilfsbereit sind. Annerose kann sie loslassen. Und sie freut sich daran, dass sie ein gutes Verhältnis zueinander haben und füreinander da sind. 



Schon in jungen Jahren hat Annerose den "Isenheimer Altar" des Malers Matthias Grünewald entdeckt. Besonders wichtig ist ihr darin die Szene mit Johannes und Jesus. Der Maler hat Johannes einen überlangen Zeigefinger gemalt. Mit diesem langen Zeigefinger weist er auf Christus am Kreuz hin. In lateinischer Schrift hat der Maler einen Vers aus dem Johannesevangelium dazugeschrieben. "ER muss wachsen, ich aber muss abnehmen." (Johannes 3,30). Dies ist ein Leitwort für Annerose geworden. 



Christus soll wachsen und an Bedeutung gewinnen, mehr und mehr. Er ist nicht gekommen, um die Welt zu richten. Er ist gekommen, um zu retten und zu versöhnen. Er ist gekommen als Liebe in Person. Das Leid hat er nicht vermieden, sondern getragen. Annerose orientiert sich an ihm. Sie vertraut sich ihm an. Wenn etwas geschieht, mit dem sie gar nicht zurechtkommt, sagt sie sich: "Gott macht keine Fehler". Um dieses Vertrauen muss sie immer wieder ringen. Es tröstet sie, dass sogar Christus um dieses Vertrauen ringen musste. Und sie sagt: " Es hat mir immer tut getan, Christus nicht aus dem Auge zu lassen. Er ist durch das tiefste Leid gegangen. Für Wahrheit, Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden einzustehen sehe ich auch als meine Aufgabe." 



Wenn Annerose wandert, hat sie im Rucksack ein Fläschchen Seifenblasen dabei. An besonderen Punkten verweilt sie und lässt ein paar Seifenblasen gen Himmel steigen. Sie schaut ihnen nach, bis sie verschwunden sind. Etwas von dieser Leichtigkeit und Freiheit und Freude bleibt in ihrem Herzen zurück, wenn sie wieder in die Niederungen hinuntersteigt, zurück in ihren Alltag. Zurück zu den Menschen, die ihre Liebe brauchen. Und zurück zu denen, die ihr Liebe und Dankbarkeit schenken. Mit einem wohlwollenden Auge schaut sie auf alles. 

 

Es tut mir gut, ihr zu begegnen und ihr zuzuhören. Und es tut mir gut, den Blick gen Himmel zu heben und das auch zu malen. Welch ein Kontrast zu den Nachrichten von Krieg und Gewalt! Möge Ihnen und Euch diese Geschichte und das Bild auch gut tun! 

 

Herzliche Grüße

Gabriele Koenigs 



 

 

 

 

 


Hier hören Sie Leonard Cohen mit einem Lied, in dem er wichtige Worte singt: 

"There is a crack in everything. 

That' s how the light gets in. "

Übersetzt: In allem ist ein Riss. So kommt das Licht hindurch. 

 

Und: Jedes Herz wird zur Liebe finden.  

 

Er konnte wirklich aufrichtig von Dunkelheit und Licht und Hoffnung singen, ohne die Dunkelheit zu verharmlosen.  Dies ist eine Live-Aufnahme aus einem Konzert in London im Jahr 2008. 

 

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Hier kommt eines von Anneroses Lieblingsliedern: "Du bist die Kraft, die mir oft fehlt..." 

Viel Freude beim Anhören und Mitsingen!