
In den letzten Tagen habe ich etwas sehr Ungewöhnliches gemacht. Ich habe ein Portrait meines verstorbenen Freundes Michael Stillwater gemalt. Als Grundlage dafür habe ich ein Foto gewählt, auf dem er mit geschlossenen Augen zu sehen ist. Das Foto stammt von der Fotografin Jasmin Breidenbach. Auch sie gehört zum Freundeskreis von Michael, und sie hat mir großzügigerweise erlaubt, ihr Foto zu zu verwenden.
Normalerweise sagt man ja, die Augen seien der Spiegel der Seele. Ich bin immer froh, wenn ich ein Portrait von einem Menschen mit ausdrucksvollen Augen malen kann. Je ausdrucksvoller die Augen, desto interessanter wird das Portrait. Aber hier war es anders. Gerade die Situation mit den geschlossenen Augen hat mich angesprochen. Sie passt so gut zu dem, wie ich Michael Stillwater erlebt habe.
Michael war Sänger und Gitarrist. Oft hat er beim Singen und beim Gitarrespielen die Augen geschlossen. Eine Weile ging er in Kontakt mit den Zuhörern und Zuhörerinnen und animierte uns zum Mitsingen. Dazu schaute er uns natürlich an. Aber im Lauf eines Liedes passierte es oft, dass er die Augen schloss und mit seiner Stimme improvisierte. Meistens geschah es dann, wenn er merkte, dass wir die Melodie und den Text sicher erfasst hatten und keine Anleitung von ihm mehr dazu brauchten. Seine Gitarre kannte er so gut, dass er beim Spielen nicht auf die Saiten schauen musste. Er spielte gerne mit geschlossenen Augen. Auch viele von uns haben beim Singen seiner Lieder die Augen geschlossen. Wir kamen durch seine Lieder mit etwas in Kontakt, das tief in uns liegt. Etwas, das mit geschlossenen Augen eher zu finden ist als mit offenen Augen.
Normalerweise kommunizieren wir mit geöffneten Augen. Wir orientieren uns nach außen. Wir achten auf die Reaktionen unseres Gegenübers, lesen Gestik und Mimik und passen unsere Reaktionen darauf an. Wir fragen uns, wie es ankommt, was wir ausdrücken wollen. Vor lauter Konzentration auf die anderen, mit denen wir gerade in Kontakt sind, kann es passieren, dass wir uns selbst und unsere aufrichtigen Bedürfnisse und Anliegen gar nicht mehr fühlen. Wir sind auf Wirkung bedacht. In unserer Zeit, in der so viel gefilmt und fotografiert wird, wird diese Haltung noch verstärkt. Die Frage, die immer mitläuft, heißt: "Wie komme ich raus?" Schon die Kinder posieren und nehmen Haltungen ein, die ihnen von früh an vorgeschlagen und antrainiert werden, damit sie auf den Fotos gut herauskommen.
Beim Beten oder in der Meditation ist es anders. Dort schließen wir die Augen. Wir wenden wir uns nach innen. Dort schauen wir hin, was in uns vorgeht. Wir versuchen, es in unser Bewusstsein zu bringen und vor Gott zu bringen. Dort innen können wir Ruhe und Frieden finden. Aber wir entdecken dort nicht nur Erfreuliches. Wir begegnen auch unseren Ängsten, unserer Scham, unserem Gefühl des Ungenügens. Darum vermeiden manche Menschen den Blick nach innen. Es kostet Mut, hinzuschauen. Es kostet Mut, aufrichtig zu werden vor sich selbst und vor Gott und den Menschen. Es kostet Mut, das aufrichtig auszudrücken. Michael hatte diesen Mut. Und er hat in einen ganz tiefen Frieden hineingefunden. Dieser Frieden war bei ihm verbunden mit einer gelösten, feinen Heiterkeit. Es war eine Heiterkeit, die nichts mit Überheblichkeit zu tun hat, sondern mit einer tiefen Annahme des Menschseins. Er konnte sich selbst und uns mit Liebe und mit Humor nehmen. Darum tat es mir so wohl, mit ihm zusammenzusein und mit ihm zu singen.
Beim Malen habe ich dies alles nochmals gespürt. Und ich hoffe, dass etwas von dieser Ausstrahlung auch bei den Betrachtern ankommt.
Ein paar Worte aus einem seiner Lieder habe ich in das Gemälde integriert. "There is a light, shining in my heart, always shining through. And it is shining now on you." Übersetzt heißt das: Es gibt ein Licht, welches in meinem Herzen scheint. Es scheint immer hindurch. Und es scheint jetzt auch auf dich."
Das Gemälde ist beinahe fertig. Ein paar kleine Korrekturen sind wahrscheinlich noch notwendig. Ich werde es sehen. Es wird noch lange auf meiner Staffelei stehen. Ich gehe immer wieder vorbei, und ab und zu mache nehme ich nochmals einen Pinsel zur Hand und verändere etwas. Solch ein Portraitgemälde ist ein langer Prozess, in dem die Beobachtung und der Ausdruck immer feiner werden. Jedenfalls freue ich mich sehr daran, dieses Gemälde jetzt bei mir zu sehen. Und ich freue mich schon jetzt darauf, dieses Gemälde in Baden-Baden aufzuhängen. Michael hat sehr gerne in Kirchen gesungen. Darum fühlt es sich einfach richtig an, dieses Gemälde in der Stiftskirche aufzuhängen. Bald ist es so weit!
Herzliche Grüße!
Gabriele Koenigs
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Hier können Sie Michael Stillwater hören, zusammen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern an einem seiner Singabende. Er singt das Lied, welches ich in den Hintergrund des Portraits geschrieben habe. Viel Freude beim Anhören und Mitsingen!
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Und hier singt ein ausgezeichneter Chor aus Marokko ein afrikanisches Lied: Siyahamba. Übersetzt heißt es: Lasst uns wandeln im göttlichen Licht. Einfach herrlich, mitreißend und erfrischend. Genießen Sie das!
