
Jeder Ausstellungstag bringt Begegnungen mit sich. Manche Begegnungen beeindrucken mich sehr.
Gestern kam eine Familie in die Ausstellung. Eine junge Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern, und dazu die Großeltern der Kleinen. Die Kinder liefen mit Wonne durch die Kirche. Sie tanzten in dem Licht, das durch die Kirchenfenster auf den Boden und auf die Menschen fällt. Sie drehten sich im Rhythmus der Musik, die in der Kirche zu hören war. Sie entdeckten allerlei in den Bildern. Großvater und Großmutter nahmen sie immer mal wieder auf den Arm und zeigten ihnen etwas. Dann ließen sie sie wieder laufen und schauten ihnen voller Liebe nach. Es war für mich ergreifend, die große Liebe zu sehen, die in dieser Familie präsent ist, und die große Freude, die in ihnen lebendig ist. Ich sagte zu der jungen Mutter: "Sie gehen so liebevoll mit Ihren Kindern um!" Sie antwortete: "Das habe ich von meinen Eltern gelernt."
Aina, ein junger Mann aus Madagaskar, der seit 1 1 /2 Jahren in Deutschland lebt, hat mich gestern besonders beeindruckt. Er sprach ziemlich gut deutsch, und er ist ein tief gläubiger Mensch. Wir gingen zusammen durch die Ausstellung und betrachteten ein paar Bilder. Er erzählte davon, dass er die Ausbildung zum Pflegefachmann im Krankenhaus macht. Zuvor hat er schon ein freiwilliges soziales Jahr im Krankenhaus gemacht. Für ihn ist diese Arbeit eine heilige Mission. "Ich versuche, in jedem Kranken Jesus zu sehen", sagte er. "Denn Jesus hat gesagt: 'Was ihr einem von diesen Geringen getan habt, das habt ihr mir getan'". Und: "Unser Auftrag ist es einfach, zu lieben." Solche Sätze hört man selten von einem jungen Menschen. Und sie klangen gar nicht geheuchelt und aufgesetzt. Sie kamen direkt aus seinem reinen Herzen, ganz aufrichtig. Wer weiß, vielleicht wird er noch ein Prediger, wenn er mit seiner Krankenpflegeausbildung fertig ist und noch ein bisschen besser deutsch kann? Das Zeug dazu hätte er! Und überzeugend ist er!
Morgens kommt jeweils ein alter Mann, um die Kirche aufzuschließen. Lange Zeit war er Mesner in der Kirche. Inzwischen macht dieses Amt ein jüngerer Mann. Aber der alte Mann springt immer noch ein, wo er gebraucht wird. Er wohnt gar nicht weit von der Kirche. Und er spricht ab und zu mit mir über die Bilder. "Diese Bilder kann ich verstehen", sagt er! Er macht sich tiefe Gedanken über die Bilder und über sich selbst. "Ich habe eine ganz dunkle Seite in mir", sagte er. "Die anderen ahnen nicht viel davon. Aber wir haben das alle. Und wir müssen uns immer wieder entscheiden, wie wir handeln und denken und sprechen. Ob wir das Dunkle gewinnen lassen oder das Helle. Jeden Tag von neuem!"
Am Ende des Ausstellungstages kamen 4 Freundinnen aus der Ukraine. Sie sind selbst Malerinnen. Sie gingen mit viel Geduld von Bild zu Bild und schauten interessiert, wie ich im Einzelnen gearbeitet habe. Es war deutlich, dass sie viel vom Handwerk des Malens verstehen. Leider konnten sie nur sehr wenig deutsch. Aber wir verstanden uns von Herz zu Herz. Leider war ich in dem Moment der Begegnung nicht so geistesgegenwärtig, ihnen ein Tübchen der Farben zu zeigen, mit denen ich male. Es sind nämlich Farben aus der Ukraine. Nächstes Mal denke hoffentlich daran.
Immer wieder kommen auch Menschen, die ich aus meinen Kursen kenne oder aus vorherigen Ausstellungen oder aus Gemeinden, in denen ich früher gelebt habe. Die Wiedersehensfreude ist jeweils riesengroß. Und das Interesse aneinander: "Wie geht es dir?" Es ist so schön, einander wiederzubegegnen.
Das beeindruckende Gotteshaus, in dem ich mit meinen Bildern zu Gast sein darf, ist wie eine schützende Hülle, in der tiefe und aufrichtige Begegnungen möglich werden. Es ist ein Raum für Gebet und Stille und Musik und Schönheit und Begegnungen. Was darin jeweils geschieht, ist immer wieder überraschend. Menschenherzen öffnen sich für einander und für die Botschaft der göttlichen Liebe. Es lässt sich nicht vorhersagen und nicht planen. Aber es geschieht. Der Geist der Liebe wirkt, mitten unter uns. Welch ein Geschenk!
Ganz herzliche Grüße aus Baden-Baden!
Gabriele Koenigs
P.S: Manchmal kommt jemand in die Ausstellung und sagt: "Ich lese immer wieder sonntags von Ihnen!" Ich kenne die Namen derjenigen, die meine Beiträge regelmäßig als Email bekommen. Aber ich kenne nicht immer die Gesichter dazu, und bin manchen noch gar nicht persönlich begegnet. Wie schön ist es dann, wenn wir einander begegnen. Eine ganz besondere Freude!
Eindrücke aus der Ausstellung
Am Tag vor der Ausstellungseröffnung erschien ein ausgezeichneter Artikel von Bernd Hefter in der Tageszeitung "Badische Neueste Nachrichten". Hier können Sie ihn lesen (Quelle: Badische Neueste Nachrichten (BNN) | bnn.de)

Hier können Sie das Lied aus Taizé hören:
Ubi caritas et amor, deus ibi est - Wo die Liebe wohnt und Güte, da ist unser Gott.
Immer wieder komme ich auf dieses Lied zurück. Kurz und knapp sagt es das, was wesentlich ist.
Viel Freude beim Anhören und Mitsingen!
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