
In der Stiftskirche hängen im Moment 81 Gemälde von mir. Jeden Tag gibt es eine Ausstellungsführung. Wir können dabei nicht alle Gemälde betrachten. Jeden Tag bleiben wir bei ein paar ausgewählten Bildern stehen und sprechen darüber. Vorgestern erlebte ich eine Überraschung. Einige aus der Gruppe, die zusammengekommen war, sagten: "Probieren Sie mal, Ihr Gemälde umzudrehen!" Es hing in vertikaler Ausrichtung an der Wand. Ich nahm es von den Haken und drehte es in die horizontale Ausrichtung: So, wie Sie es jetzt hier sehen. Wir waren überrascht über die neue Aussage, die uns dadurch entgegenkam.
Die Form, die vorher wie ein Ei wirkte, erinnerte uns nun an ein Auge. Es ist jedoch deutlich, dass es kein Menschenauge ist. Im Zentrum jedes menschlichen Auges ist eine schwarze Pupille. Bei diesem Auge ist die Pupille jedoch golden. Golden ist die Farbe, mit der in der Kunst auf Gott hingewiesen wird. In meinem Gemälde ist viel Gold zu sehen. Es ist im Zentrum dieses Auges und drum herum.
Gott sieht uns voller Liebe an. Gott sieht auch das Chaos und das Leid, das Menschen einander bereiten. Gott sieht unsere Irrtümer und Verfehlungen. Und Gott verspricht: "Siehe, ich mache alles neu!"
Dieses Versprechen wurde vor langer, langer Zeit gegeben. Der Seher Johannes durfte es empfangen, in einer seiner schönsten Visionen. In der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel, ist dieses Versprechen in schriftlicher Form bewahrt. "Siehe, ich mache alles neu!" (Offenbarung 21,5)
Dieses Versprechen gilt. Mitten im Leid unserer Zeit, mitten in den Irrtümern und Verfehlungen, mitten in unserer Ratlosigkeit steht es da. Ich richte mich darauf aus. Ich richte mich daran auf. Viele andere tun es mit mir. Und wir bitten: "Komm! Erlöse uns! Erschaffe uns neu, uns und die ganze Welt!" "Wir sind am Ende unseres Lateins angekommen! "Wir brauchen dich so sehr!" So oder ähnlich, mit ganz eigenen Worten, in ihrer eigenen Sprache, beten Menschen auf der ganzen Welt. Gottes Versprechen bewahrt uns davor, in Verzweiflung und Zynismus abzustürzen.
Einmal kam eine Frau zu mir, die sehr verzweifelt ist. Ihr Mann hat sich das Leben genommen. Er fehlt ihr so sehr. Und das Schlimmste ist, dass sie sich viele Vorwürfe macht. Sie befürchtet, dass sie schuld sein könnte an seiner Entscheidung. "Gott schaut Sie voller Liebe und Erbarmen an", sagte ich ihr. "Gott macht Ihnen keine Vorwürfe". Etwas ungläubig schaute sie mich an. Ich sah in ihr den fragenden Blick. "Kann das wirklich sein? Wie wäre es, wenn das wirklich so ist?" Diese Frage und dieses Innehalten schafft einen Raum, in dem etwas neu werden kann. Ich hoffe sehr, dass diese Neuwerdung allmählich in ihr geschieht.
Wir brauchen einander. Wir brauchen es, dass jemand uns sagt: "Schau mal!" "Hör mal genauer hin!" "Denke es mal anders, als du gewohnt bist!" Alleine stecken wir oft fest in unseren Gewohnheiten und in der Gedankenschleife, die sich fortwährend wiederholt. Wir stecken fest in den Vorwürfen und Schuldgefühlen, in dem negativen Blick auf andere und auf uns selbst. Gott sei Dank gibt es Menschen, die uns ab und zu mal sagen: "Schau mal!" "Hör mal!" "Denke es anders!" Tatsächlich beginnt das Neuwerden in solchen Momenten. Es beginnt nicht erst nach unserem Tod, wenn wir heimkommen dürfen zur ewigen Liebe. Es beginnt schon jetzt, mitten in unserem alltäglichen Leben.
"Siehe, ich mache alles neu!" Das ist ein ganz großes Versprechen. Wir dürfen uns daran aufrichten. Wir dürfen es einander weitergeben und darauf zuleben. Gott sei Dank!
Ganz herzliche Grüße aus Baden-Baden!
Gabriele Koenigs
Ich habe ein neues Lieblingslied gefunden. Eine Ausstellungsbesucherin hat mich und meine Freundin Gudrun hingewiesen. Wir haben es schnell gelernt und singen es nun immer wieder. Es ist eine israelische Melodie, versehen mit einem deutschen Text. Es sind Verse aus dem Psalm 130:
"Meine Seele wartet auf den Herren
wie die Wächter auf den Morgen.
Allein bei ihm ist Erlösung."
Falls jemand von Ihnen das blaue Ergänzungsheft zum württembergischen Gesangbuch besitzt, finden Sie dort bei Nr. 150 die Noten und den Text. Aber Sie können es ganz einfach vom Hören lernen und mitsingen. Viel Freude dabei!
Und falls Sie zur Ausstellung kommen, können Sie es zusammen mit uns in der wunderschönen Akustik des Kirchenraums singen!
Videos bei youtube sind mit Werbung verbinden. Lassen Sie sich dadurch nicht ablenken. Nach wenigen Sekunden erscheint rechts unter dem Video eine Schaltfläche: "überspringen". Damit können Sie die Werbung rasch beenden.
