
Amandas Großmutter war eine weise Frau mit einem großen Herzen. Amanda spricht mit größter Hochachtung und Liebe von ihr. Sie hat mir ein paar besonders wichtige Erinnerungen erzählt und mir erlaubt, diese für Sie und für euch aufzuschreiben.
Ihre Großmutter ging jeden Sonntag zur Kirche. Der Gottesdienstbesuch gehörte für sie unbedingt zum Sonntag dazu. Amanda durfte mit ihr gehen. Amanda war ein aufgewecktes, lebhaftes Kind. Sie war damals 7 Jahre alt. In der Kirchenbank saß sie neben ihrer Großmutter. Sie nahm alles auf, was sie dort sehen und hören und riechen konnte. Wie gerne war sie in diesem besonderen Raum! Dennoch hielt sie es nicht sehr lange drinnen aus. Etwas rief sie nach draußen. Die Großmutter wusste das schon. Sie zwang sie nicht sitzenzubleiben. Wenn Amanda zappelig wurde, nickte sie ihr liebevoll zu und ließ sie ziehen. Vor der Kirche stand eine uralte Eiche mit einem weit ausladendem Blätterdach. Das war Amandas Lieblingsplatz. Sie setzte sich auf die Sitzbank unter der Eiche, ließ die Beine baumeln, schaute in die Welt und träumte vor sich hin. Manchmal sang sie vor sich hin: Lieder, die sie von ihrer Großmutter gelernt hatte, und solche, die ganz spontan aus ihrem Mund kamen. Sie freute sich an den Eichhörnchen und Eidechsen und Katzen und vielerlei anderen Tieren, die sie dort draußen beobachten konnte. Wie wohl war es ihr dort! Sie hätte stundenlang dort sitzen können. Wenn der Gottesdienst aus war, kam ihre Großmutter und setzte sich neben sie auf die Bank. Niemals machte sie ihr Vorwürfe, dass sie den Gottesdienst vorzeitig verlassen hatte. Innig verweilten sie noch eine Weile miteinander unter dem Baum, bevor sie wieder nach Hause gingen.
Als junge Frau durchlebte Amanda schwere Krisen. Sie geriet in Abhängigkeiten von Drogen und Alkohol. Sie lebte in einem anderen Teil der Welt und kam nur höchst selten nach Hause. Eines Tages war ein Familientreffen. Amanda hatte sich dazu durchgerungen, daran teilzunehmen. Ihre Großmutter spürte gleich, wie schlecht es ihr ging. Sie nahm sie beiseite und sagte zu ihr: „Behaupte bloß nicht, dass es dir gut geht. Ich sehe, dass du elend dran bist und Hilfe brauchst. Geh zu der Eiche vor der Kirche, deinem Lieblingsplatz von früher. Verbinde dich mit dem Gott, der dir damals so nahe war, und bitte ihn um Hilfe!“
Amanda tat es. Und sie bekam die Hilfe, die sie brauchte. Jemand machte sie auf die Vereinigung der „Anonymen Alkoholiker“ aufmerksam. Nach ihrer Reise nahm sie Kontakt mit der Gruppe auf, die sich in ihrem Wohnort traf. Sie ging regelmäßig zu den Gruppentreffen. Sie fühlte sich dort gut verstanden. Alle kämpften mit der Abhängigkeit. Alle wussten, welch ein heftiger Kampf es ist. Aber sie machten einander Mut. „Du schaffst das! Mach einen Schritt nach dem anderen!“ "Viele andere sind den Weg vor uns schon gegangen. Es ist wirklich möglich!" Bei den Anonymen Alkoholikern gibt es eine Beschreibung von 12 Schritten, die zum Heilungsweg gehören. Jeder dieser Schritte ist wichtig. Keiner kann übersprungen werden. Alle Gruppen der „Anonymen Alkoholiker“ auf der ganzen Welt orientieren sich daran. Sie haben sich bewährt. Auch für Amanda. Amanda ist von ihrer Abhängigkeit frei geworden. Gott sei Dank. Es dauerte nur 6 Monate, bis sie „trocken“ war. Weiterhin nimmt sie hin und wieder an Gruppentreffen teil. Inzwischen ist das sogar online möglich. Weiterhin orientiert sie sich an den 12 Schritten.
Im Lauf der Jahre ist sie selbst zu einer weisen Frau geworden, mit einem großen Schatz an Wissen und Erfahrung. Sie steht zu sich selbst und scheut sich nicht, über ihren Weg zu sprechen. Mitfühlend geht sie mit anderen Menschen um und teilt gerne etwas aus ihrem großen Schatz. Ich lerne viel von ihr.
Welch ein Segen, dass wir Menschen voneinander lernen können und unsere Herzen füreinander öffnen können! Welch ein Segen, einander Mitgefühl und Liebe zu schenken! Welch ein Segen, gute Erinnerungen an Menschen, die uns Wichtiges vorgelebt haben, in uns zu tragen. Sie helfen uns ein Leben lang.
Ganz herzliche Grüße von
Gabriele Koenigs
P.S:
Wollen Sie wissen, wie die 12 Schritte lauten?
Hier finden Sie sie:
„1. Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.
2. Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.
3. Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes – wie wir Ihn verstanden – anzuvertrauen.
4. Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.
5. Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.
6. Wir waren völlig bereit, all diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen.
7. Demütig baten wir Ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen.
8. Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten und wurden willig, ihn bei allen wieder gutzumachen.
9. Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut – wo immer es möglich war -, es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt.
10. Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu.
11. Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewusste Verbindung zu Gott – wie wir Ihn verstanden – zu vertiefen. Wir baten Ihn nur, uns Seinen Willen erkennbar werden zu lassen und uns die Kraft zu geben, ihn auszuführen.
12. Nachdem wir durch diese Schritte ein spirituelles Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten.“
Hier können Sie ein Lied meines Freundes Michael Stillwater hören. Jemand kam zu ihm und sagte, dass sein wichtiges Anliegen sei, dass sein Herz heil wird. Daraufhin entstand dieses Lied: "Heal my heart - heile mein Herz". Sehr schön, und so sanft, wie Michael gewesen ist.
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