Großvaters Geschichte

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen. Ölgemälde auf Leinwand von Gabriele Koenigs (2025). 40 cm x 40 cm. Unverkäuflich
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen. Ölgemälde auf Leinwand von Gabriele Koenigs (2025). 40 cm x 40 cm. Unverkäuflich

Rachel ist 88 Jahre alt. Sie erinnert sich immer noch sehr gerne an die Geschichten, die sie von ihrem Großvater gehört hat. Sie sind ihr überaus kostbar. Und sie erzählt diese Geschichten weiter. Sie erzählt den Medizinstudenten, die sie unterrichtet. Sie erzählt ihren Kolleginnen und Kollegen im Arztberuf. Und sie erzählt sie ihren Patienten und Patientinnen. 

 

Ihr Großvater war ein Mystiker. Er lebte in der tiefen Liebe zu Gott und zu allem, was geschaffen ist. Er hat nicht nur die Bibel studiert, sondern auch die große Weisheitstradition des Judentums, die im Talmud und in der Kabbala überliefert ist. Rachel besuchte ihn jede Woche mindestens einmal. Freitagnachmittags durfte sie immer zu ihm gehen. Sie liebte diese Zeit, kurz vor dem Beginn des Sabbats. Ihr Großvater hatte einen besonderen Kosenamen für sie. Er nannte sie ""Neshumele", geliebte kleine Seele. Niemand sonst nannte sie so. Nur er. Er interessierte sich für ihre Erlebnisse, ihre Gedanken und Fragen. Und er sprach zu ihr von allem, was im Leben wichtig ist. 

 

Wenn der Sabbat begann, zündete ihr Großvater Kerzen an. Er sprach mit Gott, manchmal laut und manchmal leise. Die kleine Rachel hörte zu, ohne irgendetwas zu verstehen. Aber nach einer Weile sprach er mit Gott über Rachel. Er legte ihr die Hände auf den Kopf und er sprach so, dass sie es verstehen konnte. Zunächst dankte er Gott, dass er der Großvater dieses Mädchens sein durfte. Und dann sprach er mit Gott über das Leben des kleinen Mädchens. Wenn sie in dieser Woche etwas Neues gelernt hatte, dankte er Gott dafür. Wenn sie sich getraut hatte, eine Weile im Dunkeln zu schlafen, ohne ihr Nachtlicht, pries er Gott für ihre Tapferkeit. Wenn ihr etwas Dummes passiert war, dankte er Gott dafür, dass sie so ehrlich war, es zu erzählen. Und er segnete sie. Bei ihm fühlte sie sich vollkommen angenommen und im Frieden. 

 

Es gab eine Zeit ihres Lebens, in der sie sich für die Geschichten ihres Großvaters genierte.  Als sie Medizin studierte, tauchte sie ein in die Welt der Wissenschaft. Dort  ging es um Fakten und Zahlen, um Laborwerte und Versuchsreihen. Geschichten hatten im Studium keinen Platz. Sie gehörten auch nicht in die Begegnungen von Ärzten mit Patienten, glaubte man damals. Aber als Rachel Ärztin wurde, hat sie ihren Patienten trotzdem Geschichten erzählt. Geschichten, die Mut machen und trösten. Sie hatten es nötig. Und sie hat ihren  Patienten aufmerksam zugehört. Sie hat sie ermutigt, von sich zu erzählen. Jedes Leben ist kostbar. Jedes enthält so viel Weisheit. Das Leben ist viel mehr als Laborwerte. Davon ist sie fest überzeugt. 

 

Im Lauf ihres Lebens hat sie sehr viele gute Geschichten gehört und erlebt und erzählt. Irgendwann hat sie begonnen, diesen Schatz von Geschichten aufzuschreiben. Daraus sind drei Bücher entstanden. Weil Rachel in Amerika lebt, sind die Geschichten in englisch. Aber sie wurden auch in die deutsche Sprache übersetzt. Nur ihr letztes Buch ist noch nicht übersetzt. Es ist vor 3 Jahren erschienen, und es ist ein Kinderbuch. Sie erzählt darin eine der vielen Geschichten ihres Großvaters. Zum ersten Mal hat sie diese Geschichte gehört, als sie 3 oder 4 Jahre alt war. Sie hat sie durch das ganze Leben getragen. Sie wird in allen Synagogen der Welt erzählt, in allen Sprachen der Welt. Es ist die Geschichte vom Geburtstag der Welt. 

 

Heute möchte ich für Sie und für euch diese Geschichte übersetzen. Denn sie tut nicht nur Kindern gut. Sie ist für uns alle, gerade jetzt. 

 

"Als ich sehr klein war, war mein Großvater mein allerliebster und wichtigster Mensch in der ganzen Welt. Er nannte mich Neshumale, was bedeutet: Geliebte kleine Seele. Und er kannte viele, viele Geschichten. 

Als ich vier Jahre alt wurde, erzählte er mir eine sehr alte Geschichte mit dem Titel "Der Geburtstag der Welt". Sie geht so: 

 

"Am Anfang gab es nur Dunkelheit. Aber dann erschien ein großes, großes Licht, und die Welt wurde geboren. Die Welt voll Tausender und Abertausender Dinge. Die Welt war voller Licht. Aber dann geschah etwas. Das Licht wurde gebrochen. Es zerfiel in Millionen und Milliarden von Lichtfünkchen. Diese Fünkchen fielen in jeden und in alles. Sie fielen in alle Menschen. Alle Mädchen und Jungen, Mütter und Väter, Großmütter und Großväter. Sie fielen in alle Tiere: Hunde und Katzen, Schweine und Hasen. Sie fielen in alle Fische im Ozean und in alle Vögel des Himmels. Sie fielen in alle Pflanzen und Bäume und in alle Familien. Und sie sind bis heute da, verborgen in allem. 

Und das ist es, warum du geboren wurdest und ich geboren wurde.

Wir alle sind geboren, weil wir das Licht finden können, welches in allem und jedem verborgen ist. Wir können Freunde des Lichts werden. Wir können es nähren und dazu beitragen, dass es sich ausbreitet und heller scheint. 

Wir können dazu beitragen, dass es so sehr wächst, dass es sichtbar wird. Ein Fünkchen nach dem anderen. "

 

"Aber Großvater," fragte ich , "wenn die Lichtfünkchen verborgen sind und wir sie nicht sehen können, wie können wir sie dann finden?" 

"Oh Neshumele", sagte mein Großvater, " wir können sie nicht mit den Augen sehen. Wir können sie nur mit dem Herzen sehen. Nur dein Herz kann das Lichtfünkchen sehen, welches verborgen ist in allem und jedem.

 

Wenn wir freundlich und gütig sind zu den Menschen,

oder ihnen zuhören

oder an sie glauben

oder sie lieben

oder ihnen helfen, ihre tiefsten Träume zu verwirklichen

helfen wir ihnen, dass ihr Lichtfünkchen immer heller scheint

so lange, bis es aus ihnen herausleuchtet

und die Welt von neuem füllt,

ein Fünkchen nach dem anderen. 

Und während du das tust, 

scheint auch dein eigenes Fünkchen heller und heller. "

 

"Also ist die Welt nicht zerbrochen, Großvater? Das Licht ist immer noch da? "

"Ja," sagte mein Großvater und lächelte. "Das Licht ist verborgen. Aber es ist immer noch da. Es wird immer da sein. Und das verändert alles."  

 

Dies ist die Geschichte vom Geburtstag der Welt, 

wie ich sie bekommen habe. 

Und nun gebe ich sie dir. 

Es ist nicht nur meine Geschichte. 

Es ist auch deine Geschichte. 

Ein Fünkchen nach dem anderen können wir die Welt verändern, 

bis sie so ist, wie sie am Anfang war: 

ganz mit Licht erfüllt. "

 

Diese Geschichte enthält so viel Weisheit und Visionen. Rachel Remen hat ein großartiges Buch daraus erschaffen, zusammen mit ihrer Illustratorin und dem Verlag. Es ist eine uralte Geschichte. Und sie spricht in unsere Zeit hinein, in der man so leicht überfallen wird von Verzweiflung und Bitterkeit. Sie ermutigt uns alle, das zu leben, wozu wir von Gott geschaffen und befähigt sind. Jedes von uns kann dazu beitragen, die Welt zu heilen. 

 

 

Ganz herzliche Grüße von

Gabriele Koenigs 

 

 

 


Hier liest Rachel Remen ihr Kinderbuch vor. Manchmal zeigt sie auch eine der wunderschönen Illustrationen. Und sie liest auch ihr Nachwort, in dem sie formuliert, warum diese Geschichte gerade heute so wichtig ist. Ich habe es nicht geschafft, auch noch das Nachwort zu übersetzen. Aber hier können Sie es hören. Viel Freude beim Anhören! 

 

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Michael Stillwater hat diese Überzeugung von Rachel und ihrem Großvater geteilt. Er hat ein schönes Lied daraus gemacht: "One by one everyone comes to remember. We are healing the world one heart at a time." Übersetzt: Einer nach dem anderen fängt an, sich zu erinnern. Wir heilen die Welt, Herz für Herz, eines nach dem anderen.

 

In diesem Video können Sie mitvollziehen, wie eine Gemeinde dies Lied zusammen lernt und zusammen singt. Mögen Sie mitmachen?