
Aufmerksamkeit ist eine große Tugend. Hinschauen. Hinhören. Die Ohren spitzen. Sich interessieren für die anderen. Die eigenen Bedürfnisse nicht vergessen. Auf Gefahren achten. Tiere tun das ganz selbstverständlich. Ohne Aufmerksamkeit könnten sie gar nicht überleben. Manchmal reden wir abschätzig von der "blöden Ziege" oder dem "dummen Schaf". Von wegen... Wie unaufmerksam laufen wir oft durchs Leben, fallen herein auf Propaganda und falsche Versprechen und bemerken nicht das, was wichtig ist.
Am 20.Juli ist der Gedenktag an die Frauen und Männer, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ihr Leben riskiert haben. Menschen wie Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller, Sophie Scholl und Carl v. Ossietzky, Alfred Delp und Rupert Mayer und Klaus Schenk von Stauffenberg sind aufmerksam gewesen. Sie haben ihre Augen und Ohren vor der Entrechtung der Juden und der Außerkraftsetzung der bürgerlichen Freiheiten nicht verschlossen, und sie haben die Konsequenzen daraus gezogen. Sie haben sich eingesetzt für Wahrheit und Freiheit und Anstand und die Wiederherstellung der Demokratie.
Die "Gedenkstätte Dietrich-Bonhoeffer-Haus" in Berlin hat kürzlich einen offenen Brief veröffentlicht. Darin heißt es:
"In wenigen Tagen, am 20. Juli, gedenken wir der Frauen und Männer des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Gleichzeitig gewinnen extremistische Kräfte zunehmend an Einfluss. Deren Vertreter relativieren die Verbrechen des Nationalsozialismus und halten die Beschäftigung mit ihm für einen „übertriebenen Schuldkult“.
Autoritäre Regierungsmodelle, denen damals nicht wenige Widerstandskämpfer zunächst selbst verfallen waren, verführen viele Menschen heute aufs Neue. Und wieder negieren wir allzu gerne die gefährlichen Entwicklungen, schauen weg und hoffen, dass es schon nicht so schlimm kommt. Wegschauen und Verdrängen sind aber nichts anderes als mutlose Vermeidungstaktiken.
Extremistische Kräfte appellieren an nationale Emotionen und bezeichnen sich selbst als Patrioten. Wirkliche Patrioten lieben jedoch ihr Land, ohne Fremde zu verachten, Minderheiten auszugrenzen oder Andersdenkende zu verhöhnen. Diese Extremisten sprechen zwar von Gemeinschaft, aber sie spalten die Gesellschaft. Mit ihrer populistischen Rhetorik, die unseren politischen Problemen nicht gerecht wird, aber überwunden geglaubtes NS-Gedankengut und SED-Denken aufleben lässt, vergiften sie das politische Klima. In den Parlamenten nutzen sie die Freiheiten unserer demokratischen Grundordnung, um genau diese einschränken oder abschaffen zu können. Den politischen Diskurs bestimmen zunehmend Hetze, Verachtung und Hass.
Das Andenken des Widerstands heute lebendig zu halten, bedeutet Haltung zu zeigen: nicht zuzulassen, dass sich in Deutschland wieder Menschenverachtung, Antisemitismus und fanatischer Nationalismus ausbreiten. Laut zu widersprechen, wenn Menschen herabgewürdigt oder ausgegrenzt werden. Sich gegen verbale Grobheit in den Parlamenten, die Verachtung demokratischer Institutionen und das höhnische Spiel mit der Grenze des Sagbaren zu verwahren. Zu protestieren, wenn die Geschichte des Nationalsozialismus umgeschrieben und die Erinnerung daran verächtlich gemacht wird. Sich völkischem Gedankengut zu widersetzen und zum nationalen und europäischen Zusammenhalt beizutragen.
Stellen wir den Lockrufen nach nationalem Egoismus und der phrasenhaften Deutschtümelei das entgegen, was die Frauen und Männer des Widerstands auszeichnete: Verantwortlichkeit für unser Land und unsere Mitmenschen, Anstand, Haltung. Und das mit der Zuversicht Dietrich Bonhoeffers, der uns schrieb:
„Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignierten, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt.“
Diese Worte haben mich so beeindruckt, dass ich sie Ihnen und Euch heute weitergeben und ans Herz legen möchte.
Ganz herzliche Grüße von
Gabriele Koenigs
P.S: Am letzten Sonntag und in den Tagen danach habe ich sehr viele liebevolle Emails und Briefe bekommen. So viele haben ausgedrückt, dass sie an meinen Mann in seiner gesundheitlichen Krise und an mich denken und für uns beten. Das hat uns sehr ergriffen und gefreut und gestärkt. Vielen, vielen, vielen Dank dafür! Leider habe ich es nicht geschafft, allen zu antworten. Darum möchte ich es an dieser Stelle sagen. Vielen, vielen Dank! Und: Sie brauchen sich keine Sorgen machen. Es ist alles auf einem guten Weg.
Hier können Sie den Kanon "Dona nobis pacem" anhören und mitsingen. Sehr ergreifend!
Die lateinischen Worte Dona nobis pacem heißen: Gib uns Frieden!
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Ich habe den Wortlaut des Offenen Briefes aus der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Dietrich-Bonhoeffer-Haus etwas gekürzt.
Den vollen Wortlaut finden Sie hier:
20. Juli 1944: Andenken heißt heute, Haltung zu zeigen - Bonhoeffer-Haus Berlin
